March 1st, 2004
Quest
Interview with Helnwein
Marc Kayser talks with Gottfried Helnwein
Ich spüre ein überwältigend emotionales Gefühl, wenn ich im Flugzeug sitze und schaue herunter auf diese kleine grüne Insel Irland. Ich werde so sentimental dass ich Tränen in den Augen habe. Obwohl ich dort nicht geboren bin, habe ich das Gefühl, ich gehöre zu diesen vielen Iren, die dort seit Jahrhunderten um ihre ihre karge Existenz kämpfen, singen, dichten, saufen und ständig auswandern mussten. Aus irgendeinem Grunde fühle ich mich als Teil dieser eigenartigen und traurigen Geschichte.

Herr Helnwein, Sind Sie abergläubisch?

Helnwein:

Eigentlich nicht.
Allerdings ist die 13 eine Zahl, die mich zeitlebens verfolgt hat. Wir wohnten als Kinder im Haus Nummer 13, mein erstes Atelier trug diese Nummer, usw.. Wäre ich abergläubisch, müsste ich sehr nachdenklich sein.
Und was ist mit Wesenheiten, Engeln, weissen Energien?
Ich weiss nicht was Engeln sein sollen, aber meine Welt ist sicher eine pantheistische Welt.
- Ein Pandämonium, in dem alles belebt ist. Das entspricht zwar nicht dem offiziellen Zeitgeist, aber für mich ist das so.
Für Irland, meine Wahlheimat gilt das ganz besonders. Da gibt es magische Orte, und viele Menschen hier sind überzeugt, dass es Elfen und Leprechauns gibt, und manche haben sogar Kontakt zu ihnen.
Ich bin auch etwas sonderlich geworden im Alter. - Jeden Morgen, wenn ich in meinen Garten gehe, unterhalte ich mich mit den Bäumen und Büschen und den Vögeln. Ich weiss, dass klingt jetzt wahnsinnig, aber das ist mir völlig egal.

Helnwein:


Ich bin besessen von der Sehnsucht nach Freiheit. Was mich am meisten als Kind belastet hat, war die Unfreiheit. Dass ich ständig von jemand anderem kontrolliert wurde; dass mir immer jemand gesagt hat, was ich darf und was ich nicht darf; was ich tun und nicht tun sollte, was ich denken soll und in welches Glaubenssystem ich gehöre.
Deshalb liebe ich auch mein derzeitiges Leben zwischen Irland und Los Angeles.
Ich habe noch nie so ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit gehabt, - Los Angeles ist die absolute Gegenwelt zu Irland, aber auf eine ganz andere Art ist diese Stadt auch ein magischer Ort.

Was ist das für eine Magie?

Helnwein:


Diese Wüstenstadt ist seit hundert Jahren der Fluchtpunkt von Menschen mit zu grossen Träumen. - Visionäre, für die es nirgends einen Platz gibt, die man Überall sonst als Spinner oder Irre bezeichnen würde.
Hier kamen sie alle an: Walt Disney, Charly Chaplin, Roman Polanski, Greta Garbo, Raymond Chandler, Hitchcock, Marlene Dietrich, der junge Mann namens Samuel Wilder, der vor den Nazis flüchtete, und hier zu Billy Wilder wurde, oder Arnold Schwarzenegger.
Jeder von ihnen hat die Welt mit seinem Zauberkunststück verblüfft und damit ein bisschen verändert

Herr Helnwein, Sie lebten und arbeiteten lange Zeit in Wien und Deutschland, zogen später nach Irland und Los Angeles. Führen Sie ein Flucht-Leben?

Helnwein:


Eigentlich ja. Es ist bei uns wie bei einer Zigeuner Familie, -wir sind immer weiter gezogen, immer auf der Suche nach dem richtigen Ort, einer Heimat.

Was bedeutet für Sie Heimat?

Helnwein:


Ein mystischer Begriff. Eigentlich unerklärbar.
Ich spüre einÜberwältigend emotionales Gefühl, wenn ich im Flugzeug sitze und schaue herunter auf diese kleine grüne Insel Irland. Ich werde so sentimental dass ich Tränen in den Augen habe.
Obwohl ich dort nicht geboren bin, habe ich das Gefühl, ich gehöre zu diesen vielen Iren, die dort seit Jahrhunderten um ihre ihre karge Existenz kämpfen, singen, dichten, saufen und ständig auswandern mussten. Aus irgendeinem Grunde fühle ich mich als Teil dieser eigenartigen und traurigen Geschichte.

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