June 17th, 2005
NRZ
Micky, Daisy und die Gänsehaut
Jens Dirksen
Die Galerie Ludwig im Schloss Oberhausen zeigt neue, grosse Formate des Hyperrealisten Gottfried Helnwein: "Beautiful Children".
Kaum haben Photo- und Hyperrealismus in der Kunst wieder Konjunktur, ist auch ihr europäischer Vorreiter von einst wieder da: Nach dem Wilhelm-Busch-Museum in Hannover zeigt nun die Ludwig Galerie im Schloss Oberhausen Helnweins "Beautiful Children" - Bilder und Fotografien, die zum grossen Teil seit Anfang der 90er Jahre entstanden sind. Der Österreicher mit Wohnsitzen in Irland und Los Angeles hat in den letzten Jahren so manche Oper - in Hamburg, Düsseldorf und Los Angeles - ausgestattet, er hat an Dokumentationen gearbeitet, an Installationen und Foto-Serien. Und gemalt. Kinder zum Beispiel, weil "die meisten Kinder, die sich nicht von der Gesellschaft zurichten lassen, heute Künstler sind."

OBERHAUSEN. Seine Kindheit im Wien der Nachkriegsjahre war "ein Horror, alles war schwarz und alle Menschen waren unfreundlich." Bunt wurde es erst, als der Herr Papa seinem kleinen Gottfried Helnwein ein Paket Micky-Maus-Hefte mitbrachte. Heute ist die Welt so bunt wie ein Comic - aber dafür sind die Bilder, die Helnwein von Micky Maus malt, in den Dunkelblaugrauschimmer alter Krimis getaucht. Micky fletscht auf diesen Bildern die Zähne unter tödlich zornigen Augen, Daisy Duck sonnt sich als Bordsteinschwalbe in der Hitze der Nacht. Und was da unter einer Micky-Maus-Kappe aus einem geschwärzten Gesicht hervorblinkt, ist das Edelstahlgebiss des US-Rockschockschmocks Marilyn Manson, abgelichtet mit einer digitalen Nikon von Gottfried Helnwein.

Kaum haben Photo- und Hyperrealismus in der Kunst wieder Konjunktur, ist auch ihr europäischer Vorreiter von einst wieder da: Nach dem Wilhelm-Busch-Museum in Hannover zeigt nun die Ludwig Galerie im Schloss Oberhausen Helnweins "Beautiful Children" - Bilder und Fotografien, die zum grossen Teil seit Anfang der 90er Jahre entstanden sind.

Der Österreicher mit Wohnsitzen in Irland und Los Angeles hat in den letzten Jahren so manche Oper - in Hamburg, Düsseldorf und Los Angeles - ausgestattet, er hat an Dokumentationen gearbeitet, an Installationen und Foto-Serien.
Und gemalt. Kinder zum Beispiel, weil "die meisten Kinder, die sich nicht von der Gesellschaft zurichten lassen, heute Künstler sind." Oder irische Landschaften im 5x1-Meter-Format, an denen man sich nun in Oberhausen schwindelig sehen kann, weil Helnwein die romantischen Landschaftsmaler schon immer beneidet hat. Foto? Malerei? Die Grenze wird immer fliessender, die Fotos in XXL-Vergrösserung sind mit ihren Bildpunkten den Malereien ähnlicher denn je - und umgekehrt. Bis in die gemalten Unschärfen um Hitler, Goebbels und andere Nazi-Grössen, die Helnwein mit Gesichts-Missbildungen ausstattet. Das schockt ganz schön. Ohne dass man gleich wüsste, was man davon zu halten hat.

Hitler und die moderne Maria

Die nächste Gänsehaut wartet gegenüber, wo Helnwein Hitler aus der Fotoaufnahme einer Lagebesprechung herausgeöst und malerisch durch eine moderne Maria mit einem Knaben auf dem Knie ersetzt hat; nur die schmierige Strähne auf seiner Stirn gibt zu erkennen, wer er einmal werden soll.

Auch die missgebildeten Föten im Weichzeichner-Schimmer sollen mehr sein als ein Effekt. Aber gerade auf den haben die Kinder-Bilder des 56-Jährigen immer gezielt, und Bilder von misshandelten, barbarisch verunstalteten, missbrauchten Kindern hat Helnwein schon Anfang der 70er gemalt, als sowas noch niemand öffentlich thematisieren mochte.

Ja, seine Bilder schmerzen, verstören und geben zu denken, nach wie vor, auch wenn sie sich technisch so treu bleiben wie Helnweins ewiges Outfit mit Stirntuch, Sonnenbrille, Cowboystiefeln und klirrenden Silberketten am Arm. Immerhin, da "man heute gar nicht mehr anders arbeiten kann als eklektizistisch", redet der Hyperrealist nun frank und frei davon, alle modernen Techniken zu benutzen, auch die Projektion beim Malen. Das mochte vor zwei Jahrzehnten auch noch niemand thematisieren. (NRZ)

Bis 3. Oktober; Katalog: 24,50 E. Zur morgigen Eröffnung (11 Uhr) spricht Antje Vollmer, anschliessend eine Helnwein-Signierstunde.