
Gottfried Helnwein:
Die Akademie war damals voll mit Kindern aus “gutem Haus”, die den ganzen Tag mit Marx-Zitaten um sich warfen und wie aufgescheuchte Hühner, aufgeregt über die “Befreiung des Proletariats” diskutierten. Mit Parker-Jacken und Nickelbrille sassen sie rauchend beisammen und spielten Sandkasten-Revolutionäre, indem sie sich als “Spartakisten”, “Leninisten” und “Trotzkisten” gegenseitig befschimpften. Dabei bezweifle ich, dass irgendeiner von denen je einen richtigen Arbeiter aus der Nähe gesehen hatte. Ich erinnere mich an ein blasses Mädchen in dieser Runde, das sich wie Che Guevaras wilde Tochter aufgeführt hat, und jeden Abend nach Hause, in das Schloss ihrer gräflichen Frau Mama gefahren ist.
Diese sogenannten “Verhöhnungen des autoritären Staates”, die immer wieder zitiert wird, war eine Selbstbeweihräucherung dieser pubertären Sozialromantiker in irgendwelchen Hinterzimmern der Akademie, die weder von den Autoritäten des Staates, noch von den Proletariern, die sie angeblich befreien wollten, wahrgenommen wurde.
Mir ging dieses ewige Geschwafel, das nie zu irgendwelchen konkreten Handlungen führte, auf die Nerven und ich beschloss auf eigene Faust einen Aufstand an der Akademie zu inszenieren. Die Professorenschaft bestand tatsächlich zum Grossteil aus alten autoritären Wichtigtuern, die jede Form der Mitbestimmung durch die Studenten verweigerten, und ich dachte es war an der Zeit zurückzuschlagen.
Ich rekrutierte eine kleine Gruppe von Studenten und einige anarchistische Typen von der Strasse, und wir bereiteten den einzigen gewaltsamen Aufstand, der je auf der Akademie stattgefunden hatte, tagelang vor.
Am Tag der Aufnahmsprüfung sperrten wir die gesamte Professorenschaft in dem Zimmer ein, in dem sie die Auswahl vornehmen wollten, wer zur Aufnahmeprüfung antreten durfte und wer nicht.
Wir zündeten Rauchbomben im ganzen Haus, öffneten alle Feuerlöscher, hängten die grossen Fensterflügel aus und warfen sie in den Innenhof, wir schütteten Eimer mit gefärbter Schmierseife über die Treppen und überall explodierten Farb- und Stinkbomben, die wir in tagelanger Arbeit gebastelt hatten. Es herrschte totale Panik, alle irrten schreiend durch die Rauchschwaden, und schliesslich verschlossen die Pedelle alle Eingangstore und riefen die Polizei.
Die Professoren waren genauso überrascht, wie die studentischen Dauerdiskutierer, und während das Überfallkommando die Akademie stürmte, hatten wir uns längst durch ein Mensa-Fenster abgeseilt und sassen im Park vor der Akademie und beobachteten das Spektakel.
Als wir Tage danach durch die Hallen der Akademie gingen, um die Spuren unserer Schandtat zu begutachten, wurden wir von Angestellten der Akademie erkannt, aufgegriffen und Anzeige gegen uns erstattet.
Einige Tage später erklärte Hertha Firnberg, die damalige sozialdemokratische Ministerin für Wissenschaft und Forschung, unsere Aktion zu einer politischen Handlung und das Verfahren gegen uns wurde eingestellt. Sie warnte aber die Studentenschaft, dass bei weiteren Ausschreitungen hart durchgegriffen würde.
22. März, 1971
Kurier, Wien
WO DIE FAUST ARGUMENTIERTZur Situation an der Wiener Kunstkademie
Thomas Moog
Die Antwort der Professoren, die Studentenvertreter für illegal zu erklären, zog wohl die lauteste Aufnahmsprüfung der letzten Jahre nach sich: Bomben wurden geworfen, Feuerlöscher geleert, Farbe verspritzt, die Professoren im Prüfungsraum eingesperrt. Inszeniert und durchgeführt von einer winzigen Splittergruppe, machte dies Geknalle mächtigen Eindruck auf den Lehrkörper, der irrtümlich die gesamte Studentenschaft als Gegner ansah.
Der neue Direktor wurde Prof. Welz.Dieser Kleinkrieg schuf zwei Fronten mit oft kontradiktorischen Programmen und belastet das Verhältnis zwischen Lehrendem und Lernendem. Bereits heute tendiert die Terminologie der Studenten zu einer Schwarzweissmalerei wie "Reaktionäre" kontra "Revolutionäre" und die Terminologie der Professoren zu "Ordnung" kontra "Chaos"Wie uneinig, ja, wie zänkisch die massgeblichen Professoren untereinander sind, zeigt jde Kollegiumssitzung. Hier donnern altüberlieferte Statusvorstellungen gegen zeitgemässes Koexistenzdenken.
23. März, 1971
Kurier, Wien
Erklärung RainersProf. Roland Rainer nahm am Sonntag in einem ORF -Interview zu den Vorfällen an der Wiener Akademie der bildenden Künste Stellung. Er verglich das Verhalten der Studenten mit ähnlichen Situationen in Paris und Deutschland.Hochschülerschaftsvertreter hätten ihm gegenüber bekannt, eine "allgemeine österreichische Hochschulkrise" beschwören zu wollen. Er habe die Studenten mehrmals vergebens eingeladen, konkrete Reformvorschläge zu erstatten.
Die gegen ihn durchgeführte Schmieraktion bezeichnete Rainer als :nachten Terror", dem er sich nicht beugen wolle".

Als Folge dieser Aktion im März 1971, und anschliessender Streiks und weiterer Proteste, wurde schließlich im Juni 1971, in der 8. Professoren-Kollegiumssitzung, der Modus der Aufnahmsprüfung diskutiert und anschließend reformiert.
Die Forderung der Studenten auf Mitbestimmung, und besonders die Forderung nach universitärer Drittelparität (Studierende, universitärer Mittelbau, ProfessorInnen), hatte endlich Erfolg.
Die Entscheidungsbefugnisse bezüglich der Aufnahmsprüfung sollten von nun an einem “drittelparitätisch zusammengesetzten Forum obliegen”, wie es im Sitzungsprotokoll hieß.
„P r o t o k o l l der 8. Professoren-Kollegiumssitzung am Dienstag den 29. Juni 1971.
4.) Aufnahmsprüfung:
Der Rektoratsdirektor verliest die eingelangten Vorschläge einer Reform der Aufnahmsprüfung seitens der Professoren, des Mittelbaues und der Studenten, worauf das Kollegium mehrstimmig nach ausführlicher Debatte folgenden Beschluß für die Neuordnung der Aufnahmsprüfung des Studienjahres 1971/72 faßt:
Die Aufnahmsprüfung wird in einem ausführlichen zweiwöchigen Prüfungsverfahren abgehalten, wobei die Entscheidungsbefugnisse einem drittelparitätisch zusammengesetzten Forum obliegt, in dem dem Meisterschulleiter das Vetorecht zusteht.“
Universitätsarchiv der Akademie der bildenden Künste Wien, University Archives
13. Februar, 1985
Kurier, Wien
AKADEMIE: HELNWEIN ALS PROFESSOR - EIN SCHOCK?
Herbert Hufnagel
Der Hausner-Schüler Helnwein hatte als Student die Zustände an der Akademie immer wieder kritisiert und einmal sogar sowas wie einen Schüler-Aufstand organisiert.
Der 36 jährige Maler soll Rudolf Hausners Nachfolger am Schillerplatz werden
In der Kunstszene rumort's - und selbstverständlich sind die Lager gespalten:
Gottfried Helnwein, 36 jähriger Maler mit dem Prädikat "Schocker", soll als Professor in die Akademie am Schillerplatz einziehen. So wünscht es sich zumindest Professor Hausner, der aus Altersgründen die Leitung seiner Meisterklasse abgibt und dabei von seinem Vorschlagsrecht Gebrauch machte.
Jetzt sieht er eine Chance, es selber besser zu machen (siehe nebenstehendes Interview).
Indessen formieren sich die Lobbys pro und kontra Professor Helnwein. Akademie-Professor Gustav Peichl zum Kurier: "Meiner Ansicht nach ist Helnwein nicht der richtige Mann für eine Malklasse." Wie auch immer - bis Ende Februar wird das 20köpfige Professorenkollegium einen Dreiervorschlag für die Hausner-Nachfolge machen. Unter den Kandidaten tauchen auch die Namen Attersee und Nitsch auf.


