February 11th, 2008
DerWesten.de
Kresnik-Dämmerung in Bonn
Michael-Georg Müller
Helnwein und Hakenkreuze
Massiv und plakativ äußern Kresnik und der für seine surrealen Gemälde bekannte Ausstatter Gottfried Helnwein ihre Nazi- und Faschismus-Kritik: Hakenkreuze werden nicht nur auf nackte Haut der Wagner-Schwiegertochter Winifred geschmiert, sondern regnen auch in einem Micky-Maus-Film vom Himmel. Es war fast wie immer in den 40 Jahren, in denen Kresniks "Choreographisches Theater" bundesweit mit gewaltigen und gewalttätigen Bilder-Orgien Theater- oder Opernabonnenten wachrüttelte, nicht selten verärgerte. Nach dieser letzten Uraufführung dominierte jedoch der Jubel.

TANZTHEATER. In Bonn ist ein weiterer Nibelungen-Ring vollendet und geht mit einigem Bühnengetöse eine Ära zu Ende.

BONN. Blutige Eingeweide und Speere fliegen durch die Luft, gestapelte Wracks von schnellen Flitzern rutschen vom Autofriedhof in die Tiefe, ein Kühlschrank gefüllt mit blutgefüllten Colaflaschen knallt in den leeren Orchestergraben, gefolgt von zwei Steinway-Flügeln, an denen eben noch zwei Pianisten musizierten. Mit Dröhnen und Donnern geht jetzt in Bonn nicht nur ein weiterer "Ring des Nibelungen" zu Ende. Zwei Monate nach der Musical-Comedy von Frank Nimsgern setzt Johann Kresnik die beiden letzten Teile der Wagnerschen Tetralogie als tanztheatralische Performance in Szene. Zum Abschied vom Publikum der früheren Hauptstadt entfacht der Erzprovokateur und Berserker noch einmal mächtiges Getöse, Materialschlacht und derbe Polit-Szenen inklusive.

Helnwein und Hakenkreuze

Massiv und plakativ äußern Kresnik und der für seine surrealen Gemälde bekannte Ausstatter Gottfried Helnwein ihre Nazi- und Faschismus-Kritik: Hakenkreuze werden nicht nur auf nackte Haut der Wagner-Schwiegertochter Winifred geschmiert, sondern regnen auch in einem Micky-Maus-Film vom Himmel. Es war fast wie immer in den 40 Jahren, in denen Kresniks "Choreographisches Theater" bundesweit mit gewaltigen und gewalttätigen Bilder-Orgien Theater- oder Opernabonnenten wachrüttelte, nicht selten verärgerte. Nach dieser letzten Uraufführung dominierte jedoch der Jubel.

Mit Siegfried und Götterdämmerung sagt Kresnik nicht nur Bonn Adieu, sondern löst endgültig seine Kompanie auf; denn das Bonner Dreispartenhaus soll noch einmal 2,7 Millionen Euro einsparen. "Das entspricht 57 Theater-Arbeitsplätzen," erklärt Intendant Klaus Weise, der demnächst nur noch ein Zweisparten-Theater leitet. Dass der Tanz damit wegrationalisiert werden muss, bedauert er. Doch die geringe Resonanz, auf die Kresniks Tanz-Tollwut beim Bonner Publikum stieß (die Auslastung sank auf 35 Prozent), bietet den Kulturpolitikern die Handhabe dafür, den Tanz ganz zu streichen. Stattdessen strickt Weise für die nächste Saison ein Gastspiel-Angebot von 10 Truppen - von der Freien experimentellen Tanzszene bis hin zum großen Klassischen Ballett. Die Auftritte von Moskauer Schwanensee-Produktionen lassen sich gut vermarkten. Nicht nur in Bonn.

Zurück zu Kresnik. In einem Parforceritt von 75 Minuten rasen die Darsteller verschiedener Generationen und Gewichtsklassen durch den letzten Teil des Wagner-Mythos', der in Bayreuth mindestens zehn Stunden dauert. In dampfender Halle, in der Schwerter gehämmert werden, geht es nur in Fragmenten um die Originalhandlung. Denn zu Siegfried und Mime, dem Wanderer Wotan im Rollstuhl und der wiedererwachten Brünnhilde gesellen sich wieder Mitglieder des Wagner-Clans. Der Meister selber mit berühmter Kappe, daneben Cosima als monumentaler Fleischberg auf Riesen-Plateau-Sohlen. Unter ihrem Rock kriecht Sohn Siegfried hervor, der später von Hitler-Freundin Winifred geführt wird. Sie bleiben meist Beobachter und mischen sich nur selten in die Kämpfe der klirrenden Schwerter ein.

Retter und Ritter

Wenn auch zu Beginn alter Stummfilm den Drachenkampf zeigt, den Siegfried als weißer Retter und Ritter gewinnt, so tobt sich auf der Bühne ein schwarzhaariger Rocker mit nacktem Oberkörper und knallenger Lederhose aus. Ein Antiheld, in dessen kalten Augen der Untergang steht. Auf seine Haut werden Porträts von George W. Bush, Vladimir Putin und Ahmadinedschad projiziert. Denn Siegfried hat für Kresnik auch finstere Seiten, zumal im Tanzkampf mit Brünnhilde. Im lautstarken Finale dann saugt Hagen wie ein Vampir das Blut aus Siegfrieds Hals. Na ja.

Die Tanzszenen sind in diesem assoziativen Opus stärker entwickelt als in Kresniks vorausgegangenen Choreographien. So auch, wenn die entblößten Rheintöchter - nach dem tosenden Untergang - aus einem goldenen Lastwagenreifen herausklettern, im Silberregen grazil posieren und der neuen Zeit entgegen tanzen. Was kommt danach? Kresnik, der längst die Pensionsgrenze überschritten hat, wird als freier Regisseur weiterarbeiten, angeblich ist er bis 2012 ausgebucht.

(NRZ) 14. Feb., 4., 6., 22. März. TEL: 0228/ 778 008