
Vor über dreißig Jahren in Bremen hat sich der Choreograf Johann Kresnik schon einmal mit den Nibelungen beschäftigt. Damals zog er sie, zum Vergnügen des Publikums und zum Missfallen der Kritiker, heiter-pornographisch durch den Kakao. Jetzt, da er in Bonn mit "Der Ring des Nibelungen" seine letzte Äußerung als Tanztheater-Chef tut, nimmt er sie bitter ernst. Er bezieht sich schon im Untertitel - "Siegfried/Götterdämmerung" - ausdrücklich auf Richard Wagner und schickt nicht nur des Komponisten Personal, sondern auch ihn selbst und seine Familie auf eine Bühne, die er am Ende zu Kleinholz macht.
Der eigentliche Star der Aufführung ist denn auch nicht der schmale, langhaarige Siegfried-Darsteller Sascha Halbhuber Stead und nicht einmal der Choreograf selbst, sondern sein Bühnenbildner: der Maler Gottfried Helnwein.
Wenn über einen Zwischenvorhang nicht gerade Fritz Langs "Nibelungen"-Stummfilm oder ein Disney-Comic im Nazi-Land flimmert, beherrscht ein riesiges Krankenbett die Szene: Symbol für den Brünnhilde-Felsen. Irgendwann wird es krachend eingerissen. Immer wieder rückt zudem ein gigantischer goldener Lastwagen-Reifen ins Zentrum, Versinnbildlichung des goldenen Nibelungen-Schatzes. Zum Finale kracht aus dem Bühnenhimmel ein großer US-Wagen auf einen ganzen Autofriedhof, ehe ein Kühlschrank mit vorausgehendem Inhalt folgt. Der hing von Anfang an drohend über der Aufführung. Schließlich fallen die Flügel-Attrappen in den Orkus unter der aufgerissenen Bühne; in diesem Walhall bleibt kein Stein auf dem anderen.
Ansonsten wird von den immerhin 25 Darstellern vor allem gekämpft und gekrampft, geschlachtet und gemordet. Tanz findet als Geraufe und Gerammel statt; außer Spreizschritten und Verklemmtheiten hat die Choreografie kaum etwas zu bieten. Konkrete Geschichten erzählen Kresnik und sein Librettist Christoph Klimke im Grunde nur noch auf dem Programmzettel, wo sie 23 Szenen auflisten. Dafür aber darf Richard Wagner Antisemitisches verlesen und seinem Siegfried die Porträts von Bin Laden und George W. Bush auf die Brust projizieren lassen. Denn in Kresniks Welt des Bösen passt alles zu jedem; da dürfen auch Bilder von Al-Qaida-Terroristen nicht fehlen.
Keine Frage, dass Kresnik in früheren Stücken schon Ekligeres kübelweise auf die Bühne gekippt hat. Kresnik bietet auch diesmal die unverzichtbaren männlichen und weiblichen Nackedeis, und auch mit blutroter Farbe und getürkten Innereien wird herumgespielt. Es ist nicht nur so, dass wir uns an Kresniks Provokationen gewöhnt hätten.
Es reicht nur noch zum Zerschlagen, mit einer neuen, vielleicht gar utopischen Sicht der Dinge kann uns der große Berserker des deutschen Tanztheaters nicht mehr dienen. Nachdem der letzte Vorhang gefallen ist, verhallen auch langsam die Bravorufe seiner Anhänger.

Termine: 1., 7. und 27. März; Karten: (0228) 70 80 22