
Der zeitgenössische Tanz hat es besonders schwer am Rhein. Beispiel: Bonn. Dort wird der Choreograph Hans Kresnik eingespart - die Tanzsparte wird abgeschafft und mit Gastspielen ersetzt. Am Samstag hatte der 68-jährige Kresnik seine letzte Bonner Uraufführung. Offenbar sollte der Abschied fulminant ausfallen, gleich zwei Wagner-Opern standen auf dem Programm: Siegfried und Götterdämmerung - die Eckpfeiler im Ring des Nibelungen.
Der Feuerkreis, in dem Brünhilde gefangen ist, ist ein flammenden Krankenbett - die vom Kapitalismus zerfressene Gesellschaft ist eben durch und durch verseucht. Siegfried, Held mit langen schwarzen Haaren und schwer tätowiertem Oberkörper, wird sie daraus befreien - und daran sterben.
Sein goldener Ring, um den die Gesellschaft später tanzt wie um einen Fetisch, ist ein riesiger goldener LKW-Reifen. Eine Art vergoldetes Kalb, ein nur eingebildetes Konsumgut, für das sich Tänzer in Abendkleidern gegenseitig mit Matsch besudeln und zerfleischen.
Hans Kresnik lässt nicht nur die Figuren aus Wagners Ring, sondern auch aus Wagners Familie auftreten. Der Komponist sitzt immer wieder sinnierend auf dem Flügel, Winifred Wagner marschiert in Nazi-Uniform.
Selbst die Urenkelin Katharina taucht als blondes Sechsfach-Double auf und knüllt beim Tanzen eine Wagner-Partitur zusammen. Doch das ist nur ein Vorspiel für den zweiten Teil.
Johann Kresnik hat für die letzte Dämmerung der Tanzgötter am Rhein mit dem Künstler Gottfried Helnwein einen pathetischen Bildersturm inszeniert aus Blut und Feuer, Fleisch und Farbe. Und Videobildern: abwechselnd werden östliche Selbstmordattentäter und westlichen Amokläufer eingeblendet - der Wille zur Selbstzerstörung ist überall gleich.
Zum Schluss fallen Fernseher, Autos, Kühlschränke und Klaviere aus dem Bühnenhimmel. Zerstört werden die letzten Instrumente der Humanität, zurück bleibt die Welt als dampfender Schrottplatz.
Hans Kresnik macht aus seiner letzten Bonner Uraufführung einen wüsten, politisch übertriebenen Abgesang, sowohl auf die Wagner- als auf die Menschheitsgeschichte, als auch auf den Tanz in Bonn.
Auch wenn das erschlagend wirkt, stimmt es doch wehmütig, diese großartig getanzte und groß konzipierte Abschiedspremiere zu sehen.



