
Was sind die Schlüsselthemen Ihres Schaffens? Wie unterscheidet sich die Gegenwart von der Vergangenheit?
Helnwein: Zu malen begonnen habe ich wie ein autistisches Kind, ich hatte damals noch keinen Kontakt zu den sogenannten Hohen Künsten,
Meine Ästhetik war geprägt von schlechten Heiligenbildern aus dem 19ten Jahrhundert, Entenhausen, Jimi Hendrix, Captain Beefheart und den Rolling Stones.
Ich wollte ursprünglich gar kein Maler werden, aber irgendwann habe ich eingesehen, dass Kunst wahrscheinlich die einzige Möglichkeit ist, sich gegen die Zumutumgen der Gesellschaft zu wehren und zurückzuschlagen. Kunst war für mich immer in erster Linie eine Waffe.
Das Thema meiner Kunst war immer ident mit dem Thema meines Lebens: dem hoffnungslosen Versuch das absurdeste Phänomen des Universums zu verstehen - den Menschen.
Wie hat sich Ihr Schaffen – Ihrer Meinung nach – entwickelt? Versuchen Sie, die wichtigsten Entwicklungsmomente, wichtigsten Perioden, Zyklen und Bilder zu nennen. Warum ist das Kind, die Gewalt an Kindern eines der zentralen Themen Ihres Schaffens geworden?
Helnwein: Vielleicht ist es ein Defekt, aber von frühester Kindheit an sah ich immer Gewalt um mich herum und die Wirkung von Gewalt: Angst.
Ich habe jedes Sück Information, das ich über den Holocaust, Vietnam, Chile, die Heilige Inquisition und all die Hexenjagden kriegen konnte, in mich aufgesogen. Die durch die gesamte Menschheitsgeschichte vorhandene Lust daran, anderen, vor allem Wehrlosen, ein Maximum an Schmerz zuzufügen, war für mich immer ein Rätsel. Erstaunlich auch, welche Kreativität Menschen dabei entwickeln.
Aber es war vor allem die Gewalt gegen Kinder, die mich nicht mehr losgelassen hat. Wie kann jemand Kindern oder Tieren etwas anderes entgegenbringen als Liebe und Bewunderung? Ich habe gerichtsmedizinische Fotos von Kindern gesehen, die von ihren eigenen Eltern zu Tode gefoltert wurden, was kein Anblick ist, der Sie gut schlafen lässt. In Deutschland und Österreich müssen jährlich tausende Kinder durch ein derartiges Martyrium, bevor sie in den Himmel dürfen.
Und das war der Grund warum ich zu malen begonnen habe, Ästhetik war nicht meine erste Motivation.

