Das ist sie also, die Abschiedstour der Scorpions. Die Altrocker um Sänger Klaus Meine nehmen endgültig Abschied von der Bühne. Rund 10.000 Fans gingen in Berlin noch einmal auf eine Zeitreise durch den Soundtrack ihres Lebens. Von würdigem Altern konnte in der O2 World allerdings nicht die Rede sein.
Dieser Erfolg, ist schwer zu ergründen. Aber möglicherweise liegt es tatsächlich an der musikalischen Schlichtheit und dieser geradezu kindlichen, überbordenden Spiellust, durch die es die Hannoveraner Altmetall-Veredler Scorpions zum erfolgreichsten Rockexport Deutschlands gebracht haben.
An die 10.000 Fans kamen am Sonnabend zum Abschiednehmen in die nicht ganz ausverkaufte O2 World. Denn nach mehr als 40 Jahren Hardrock-Schwerstarbeit auf den Bühnen der Welt soll mit der „Get Your Sting and Blackout World Tour“, die bis 2012 andauern wird, das letzte Wort gesprochen sein. Die Scorpions wollen abtreten, mit Würde, wie sie es selbst formulierten.
Von Würde kann bei dieser Show freilich nicht die Rede sein. Im Gegenteil. Die Scorpions wollen auch im fortgeschrittenen Alter zeigen, dass sie die Klischee gewordenen Hardrock-Posen aus dem Effeff beherrschen. Dass sie ihn voll ausleben, den Rock’n’Roll. Dass sie es noch drauf haben.
Das wirkt zunächst etwas aufgesetzt, als die Show mit dem neuen Song „Sting In The Tail“ mit Feuerwerk und Flammenwerfer gleich protzig in die Vollen geht und der durchtrainierte, mittlerweile 61-jährige Scorpions-Gründer und Gitarren-Berserker Rudolf Schenker mit wilder Geste und meist offenen Mundes die altbewährten Power-Riffs aus den Saiten meißelt. Altersgerecht? So gehen inzwischen vielleicht die Stones zu Werke. Aber die Scorpions? Sie wollen noch einmal die alten Zeiten aufleben lassen.
Sänger Klaus Meine, gerade 62 geworden, ist bestens bei Stimme und lässt es eher ruhiger angehen, rennt längst nicht mehr so aufgeregt über die Bühne wie sein Gitarristen-Kollege, während der zweite Gitarrist Matthias Jabs, mit 54 der Jüngste der Stammbesetzung, sich mit einem zumeist freudigen Grinsen durch das Repertoire und über den Laufsteg ins Publikum schlägt.
Nahtlos geht es über in „Make It Real“ vom 1980er-Album „Animal Magnetism“. Pavel Maciwoda tut das, was Bassisten meist tun, er hält sich im Hintergrund und das gemeinsame Spiel zusammen; im Verein mit Schlagzeuger James Kottak, der auf einem höhenverstellbaren Podest in der Bühnenmitte thront. Videowände spucken Bilder, Feuerfontänen züngeln, die Lichtregie ist gleißend bunt, der Sound gestochen klar und mit dem nötigen Druck. „Hallo Berlin! Schön euch zu sehen!“ ruft Meine in den Saal.
Die Besucher auf den Rängen üben sich zunächst noch etwas in Zurückhaltung. Dafür tobt der harte Fan-Kern im Innenraum vor der Bühne umso lauter, kann aber den Altersdurchschnitt in der Halle auch nicht merklich senken. Mit einer Band wie den Scorpions ist man mitgewachsen. Und bewundert die Ausdauer und die Konsequenz, mit der diese Band die Zeit stillstehen lässt. Die Scorpions spielen, so Meine vor dem neuen Song „Raised On Rock“, „den Soundtrack unseres Lebens“. Ja, hier werden routiniert Erinnerungen bedient, mit Powerballaden wie „Still Loving You“ oder Hardrock-Klassikern wie „Blackout“.
Die inszenierte Vergangenheitsbewältigung hat durchaus ihren Reiz. Sie beschwört gute Laune, im Schwermetall-Geschäft nicht unbedingt an Tagesordnung. Die routiniert durchgehaltene Kombination aus eingängigen Melodien, wuchtigen Gitarren-Riffs und treibendem Rhythmus, gepaart mit eingängigen Refrains und schlichten Songzeilen ist solides deutsches Handwerk. Auch wenn die Reaktionen des Publikums längst nicht mehr so euphorisch sind wie in den 70er- und 80er-Jahren.
Man nähert sich eben langsam dem Alter, in dem man die Todesanzeigen in der Zeitung genauer studiert. Im Mittelteil der Show widmet Klaus Meine den auf akustischen Gitarren gespielten Song „Send Me An Angel“ seinem im Mai gestorbenen Sängerkollegen Ronnie James Dio: „Wieder ein guter Freund, der von uns gegangen ist“.
Das offenbar auch heutzutage unvermeidliche Schlagzeugsolo von James Kottak wird per Filmeinspielung als Zeitreise durch die einst richtungsweisenden Plattencover der Scorpions aufgepeppt. Beim Titelsong des von Gottfried Helnwein gestalteten, provokativen „Blackout“-Plattencovers torkelt Schenker mit Kopfverband und Gabeln vor den Augen über die Bühne und zum Finale nach 90 Minuten soliden Kraftrocks gibt es auch die klassische „Scorpionspyramide“, bei der Meine zwischen Schenker und Jabs auf deren Oberschenkeln balanciert. Nun jubelt das Publikum mit Händen und Füßen. Und die Musiker können in lautstarkem Applaus baden.
Im Zugabenteil wird endlich jenes pathosbeladene Lied angepfiffen, das den Scorpions ihren größten Hit beschert hat: bei „Winds of Change“ werden Feuerzeuge wie Friedenskerzen geschwungen, bevor mit „Rock Me Like A Hurrican“ der letzte Dampf abgelassen wird. Das also soll es nun gewesen sein mit den Scorpions? Wir vermissen sie jetzt schon.