Präsentiert sich so eine Band, die ernsthaft ans Aufhören denkt? Es soll die Abschiedstour sein, mit der die Scorpions mindestens zwei Jahre lang noch einmal den ganzen Erdball rocken. Doch nach einer solchen Vorstellung wie in der ausverkauften Mannheimer SAP Arena mag man es nicht so richtig glauben, dass sich Klaus Meine und Rudolf Schenker ins stille Hannoveraner Kämmerchen zurückziehen wollen. Denn ganz offensichtlich ist der Spaß am Live-Spielen auch nach unfassbaren 40 Jahren ungebrochen.
Sicher, sie haben alles erreicht, vor 325 000 Menschen im San Bernadino-Valley und vor 350 000 Menschen in Rio gespielt, unzählige Preise eingeheimst, Rekorde um Rekorde gebrochen. Umso erstaunlicher, wie authentisch sie geblieben sind. Da stehen ein paar absolut sympathische Normalos auf der Bühne und zelebrieren eine große Rockshow, und zwar vom Allerfeinsten.
Es ist kurz nach 23 Uhr. Die fünf Herren, von denen zwei immerhin schon 62 Lenze zählen, haben in einer hochdynamischen Show mit Kraftsound, Feuerwerk und Leidenschaft ihre Setliste abgearbeitet. Der "Rock-Hurrican" ist wie so oft zum Schluss eines Scorpions-Konzerts durch die Halle gefegt. Eigentlich richtet sich das Team bereits für den Bühnen-Abbau. Doch plötzlich müssen die Techniker noch mal zurück an ihre Arbeitsplätze. Die Scorpions wollen mit einer weiteren, ganz offensichtlich nicht geplanten Zugabe auf die Bühne. "When the smoke is going down" ist das dicke Dankeschön an ein Publikum, das zwei Stunden lang den weltweit erfolgreichsten deutschen Hardrock-Export frenetisch gefeiert hat. So spielt doch keiner, der ans Aufhören denkt! Sänger Klaus Meine verrät irgendwann mitten in der Show "Wir haben noch viele Ziele!" Ob er damit nur die Konzertstationen der ausgedehnten Welttournee meint?
Mannheim ist zusätzlich wegen der großen Nachfrage in den Tourneeplan aufgenommen worden. Die Stadt ist der Band auch nicht unbekannt. Klaus Meine kann sich noch gut an den 31. August 1986 erinnern. Da standen die Scorpions gemeinsam mit Bon Jovi und Ozzy Ozbourne beim "Monsters of Rock"-Festival auf der Maimarkt-Bühne. Viele der Songs, die sie damals spielten, stehen auch jetzt wieder auf der Songliste. Die Produktionen aus den späten 80er und 90er Jahren werden - glücklicherweise - weitgehend ausgeblendet. Dafür startet das Quintett fulminant mit dem Titelstück des neuen, ausgesprochen gelungenen Albums. "Hail! Hail! Sting in the Tail" donnert es bretthart aus tausenden Kehlen zum Auftakt durch die Arena. Nur noch zwei weitere neue Song werden sie spielen: "Raised on Rock" mit der bezeichnenden Startzeile: "I was born in an Hurricane". Und der Titel "The best is yet to come" leitet später den Balladen-Part des Konzerts ein und zeigt, wie Klaus Meine sich immer noch sehr ordentlich in vokale Höhen schrauben kann. Zuvor gibt's noch ein paar Klassiker, darunter ein treibendes "The Zoo" und der Instrumental-Titel "Coast to Coast", bei dem sich Rudolf Schenker und Matthias Jabs die Soli nur so um die Ohren hauen. Wobei Jabs einmal mehr der filigrane Flinkfinger auf dem Griffbrett ist und Schenker die Show besorgt. Er wetzt den Abend über die Bühne, als bekäme er Kilometergeld, präsentiert einige seiner 200 Flying-V-Gitarren, darunter sogar ein Akustik-Modell. Später bei "Black out" stürmt er die Bühne im Outfit des legendären Helnwein-Plattencovers mit Kopfverband und einer Brille aus verbogenen Gabeln.
Auf seinem immer wieder ausfahrenden Teleskop-Podest rackert Schlagzeuger James Kottak wie weiland das Tier in der Muppet-Show. Spektakulär sein Solo, das er zu einem Filmchen trommelt, das ihn in witzigen Szenen rund um die großen Plattencover der Band zeigt.
Sympathisch außerdem, dass die Band beim Live-Spiel auch kleine Fehlerchen zulässt, über den falschen Ton ins Gitarrensolo rutscht und Klaus Meine den einen oder anderen Einsatz holpern lässt. Die Scorpions haben genügend Routine, um solche Kleinigkeiten mühelos zu überspielen. Tja, und am Ende überraschen sie nicht nur das Publikum dann mit ihrer Spontan-Zugabe. Es gibt eine Reihe von Stars, die eine ganze Serie von Abschiedstourneen geben. Hoffen wir also, dass der Abschied ein Marketing-Gag ist, und freuen uns auf die nächste "letzte" Tour.
Mannheimer Morgen
15. November 2010