December 13th, 2010
Die Welt
Der Teufel ist eine Tunte
Manuel Brug
Fabrikware: Zu Strawinskys "The Rake's Progress" fällt dem gefeierten Regisseur Krzysztof Warlikowski in Berlin wenig ein
Bis heute spielen sie beim Glyndebourne Festival regelmäßig die von dort 1975 in die Welt gereiste Variante mit dem Bühnenbild von David Hockney, der vor allem Hogarths Interieurs nachbaute. In Salzburg hat Jörg Immendorff ausgestattet, in Jürgen Flimms Hamburger Deutung Gottfried Helnwein. Die letzte spektakuläre Inszenierung von Robert Lepage verfrachtete Strawinsky glamourös nach Hollywood.

Gruppenbild mit Andy. Alle Superstars sind als stumme Statisten auf und um die zwei Factory-Sofas versammelt. Viva, Ultra Violet, Candy Darling, Paul Morissey, ein schöner Schwarzer. Hinten tanzt halbnackt Joe Dallesandro mit einer Peitsche. Zwei aber kannte man noch nicht. Eine bärtige Transe namens Türken-Baba, die Countertenor singt. Und Warhols jüngsten Lustknaben, einen blonden Hänfling namens Tom Rakewell, der freilich das Posing noch lernen muss: Für das Streicheln im Schritt ist noch Einiges an Übung fällig.

Dabei sollten wir hier, im Berliner Schiller Theater, eigentlich geistig gar nicht im drogenvernebelten New York der immer wieder bühnenschicken Sixties sein, sondern in Merry Old England. Dort, wo einst der Maler William Hogarth seinen achtteiligen, 1735 vollendeten und schnell als Kupferstiche weitverbreiteten Bilderzyklus vom Aufstieg und Fall eines Wüstlings schuf. Heute hängen die lebensprallen Tafeln über Tom Rakewell, der von seinem Onkel reich erbte, alles verspielte und verhurte, um im Gefängnis und dann im Irrenhaus zu enden, im reizenden Privatmuseum des Architekten John Soane an den Lincoln's Inn Fields, umweit des Britischen Museums. Und eine Oper wurde auch daraus. Igor Strawinskys und W. H. Auden nahmen die fiktive Moritat als Vorlage für den 1951 in Venedig uraufgeführten "The Rake's Progress".
Diesem prä-postmodernen Singspiel ist freilich nicht leicht beizukommen. Das sehnt sich klanglich nach Mozart, spreizt sich in (neo)barocken Formeln, zitiert sich munter vergnügt durch die Musikgeschichte, ist auch literarisch mit Anspielungen satt gespickt - und klingt doch immer nach sich hinter seelenloser Maskenmechanik versteckendem Strawinsky. Als morality play funktioniert das nicht mehr, zumal mit dem sich hier als Teufel offenbarenden Verführer Nick Shadow. Der nimmt dem naiven Tom viel negative Verantwortung, dessen Untergang wird aber so auch weniger interessant hinausgezögert.

Dieses sich in seiner gelehrten Zitierhaltung als Oper aus zweiter Hand plusternde Werk kann schnell langweilig werden, die Arietten und Ensembles ziehen sich mitunter gewaltig. In den letzten Jahrzehnten versuchte man, den aus einer Bilderfindung sich speisenden "Rake" deshalb vornehmlich optisch aufzupeppen. Bis heute spielen sie beim Glyndebourne Festival regelmäßig die von dort 1975 in die Welt gereiste Variante mit dem Bühnenbild von David Hockney, der vor allem Hogarths Interieurs nachbaute. In Salzburg hat Jörg Immendorff ausgestattet, in Jürgen Flimms Hamburger Deutung Gottfried Helnwein. Die letzte spektakuläre Inszenierung von Robert Lepage verfrachtete Strawinsky glamourös nach Hollywood.