Kinderträume stellt man sich anders vor: Viel Blut und Gewalt und viele Tote gibt es in der im Jahr 2010 uraufgeführten Oper "The Child Dreams" zu sehen. Es braucht nicht viel Phantasie, um darin die Traumata des jungen Staates Israel zu erkennen. Im Rahmen der Maifestspiele Wiesbaden war die Produktion jetzt am dortigen Staatstheater zu sehen, dargestellt von Gesangssolisten, Ensemblemitgliedern, Akrobaten und Statisten der Israeli Opera Tel Aviv, unterstützt von lokalen Statisten, musikalisch grundiert durch das von David Stern konzentriert und kompetent geleitete Israel Symphony Orchestra Rishon LeZion.
Die Inszenierung wartete bis in Details der Kostüme und des Bühnenbild (Gottfried Helnwein) mit historischen Verweisen auf. Die Geschichte des mit 937 jüdischen Flüchtlingen im Jahr 1939 über den Ozean irrenden, nacheinander von Kuba, den Vereinigten Staaten und Kanada abgewiesenen Dampfers "St. Louis" bildete nicht nur das Rückgrat der Handlung, die Außenhaut des die Bühne im zweiten und dritten Akt beherrschenden Schiffes war dem historischen Vorbild auch bis zur Größe der Nieten hin nachempfunden. Anderes fand sich originell transformiert. Der im historischen Kontext kubanische Gouverneur ist im Bühnenwerk keiner Nation zugeordnet, doch angesichts der Kostümierung des zuvor die Rolle des Vaters spielenden Guy Mannheim fiel es schwer, nicht an einen gewissen muskulösen kalifornischen Expolitiker zu denken. Hier war ein Schmunzeln erlaubt wie bei der Akrobatischen Zirkusnummer im Eingangsakt, doch blieben solche Momente die Ausnahme. Das Erreichen eines wie auch immer gearteten Ufers blieb den Flüchtlingen versagt, einschließlich der religiösen Sicherheit: Als im letzten Akt ein als Messias apostrophierter junger Mann (Tom Idelson) erscheint, erschießt ihn der Kommandeur einer Spezialeinheit (Noah Briger) mit den lapidaren Worten:"Ach, du schon wieder." So gesellt sich zur biographischen Sackgasse auch die spirituelle.
Die stilistisch von Mendelssohn bis zum Impressionismus reichende, zitathafte Musik näherte sich in der Behandlung der Stimmen den Techniken Arnold Schönbergs. Atmosphärisch stand sie oft quer zum schockierenden Geschehen, ragte wie die Wurzeln einer ausgerissenen schönen Pflanze in ein Vakuum. Denn da das "Kind" (auch vokal beeindruckend: Einat Aronstein) vor seiner Mutter (Ira Bertman) starb, der Vater aber schon zu Beginn ermordet worden war, ließ sich die Perspektive eines Neubeginns nicht mehr aufrichten. Was aber ist, wenn sich alles Sein auf schiere Existenz reduziert, entfremdet dem Vergangenen, ohne gestaltbare Zukunft? In allem bezogen auf Dispositionen von Sexualität, Macht und Abhängigkeit? Dann entsteht beinahe Unaushaltbares. Das war, in Anbetracht eines nur halbvollen Saales, offenbar eine Überforderung für das Festivalpublikum, gleich wohl oder gerade deswegen aber einer der wertvollen Beiträge im festspielfreudigen Wonnemonat.