
12. Mai 1989
ZEIT magazin
Gottfried Helnwein
Herausgegeben von Fritz J. Raddatz
Gottfried Helnwein...Ich dämmerte in dieser Schattenwelt wie im Valiumrausch dahin, bis eines Tages mein Vater vom Büro nach Hause kam, ein in braunes Packpapier eingeschlagenes Paket vor mich hinstellte und den Spagat, der es zusammenhielt, mit seinem Taschenmesser durchtrennte.
Vor mir quoll die bunte Pracht der ersten deutschen Micky-Maus-Hefte auf den Parkettboden. Als ich ein Heft öffnete, fühlte ich mich wie einer, der bei einem Grubenunglück verschüttet worden war, und nun, nach vielen Tagen Finsternis wieder ans Tageslicht trat. Ich blinzelte, weil sich meine Augen noch nicht an das gleißende Licht der Sonne von Entenhausen gewöhnt hatten, und sog gierig die frische Briese, die vom Geldspeicher Dagobert Ducks herüberwehte, in meine staubigen Lungen. Ich war wieder daheim, in einer vernünftigen Welt, in der man von Straßenwalzen plattgewalzt und von Kugeln durchlöchert werden konnte, ohne Schaden zu erleiden, in einer Welt, in der die Menschen wieder anständig aussahen, mit gelben Schnäbeln oder schwarzen Knäufen als Nase. Und hier traf ich auch jenen Mann, der mein Leben verändern sollte, von dem der österreichische Poet H. C. Artmann sagte, er sei der einzige Mensch, der uns heute noch etwas zu sagen habe: Donald Duck. Nach all den Jahren der Entbehrung jeglicher Kunst und Ästhetik hatte mich eine große Kultur umarmt.