OBERHAUSEN - Der Finger zielt auf den Betrachter, direkt und unausweichlich. Roy Lichtenstein nahm 1973 die pistolenhaft ausgestreckte Rechte aus dem berühmten Plakat, mit dem die USA im Ersten Weltkrieg um Rekruten warben. Der Pop-Künstler ließ für sein im Comic-Stil ausgeführte Gemälde das meiste von Uncle Sam weg und konzentrierte sich ganz auf das Zeigen an sich. Auf die Geste.

„Die Geste“, so heißt auch die große Ausstellung, mit der die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen ihren 20. Geburtstag feiert. Im Januar 1998 wurde das um sein Glasfoyer erweiterte Schloss neu eröffnet. Das neue Konzept sah vor allem thematisch zentrierte Ausstellungen vor. Ausgehend von der städtischen Sammlung, die vom Mäzenenpaar Peter und Irene Ludwig erweitert worden war, und mit Leihgaben aus den anderen Ludwig-Museen sollten Brücken zwischen unterschiedlichen Kulturräumen geschlagen werden. In der aktuellen Schau setzt die Direktorin Christine Vogt dieses Konzept mustergültig um. Mehr als 150 Werke unter anderem aus Aachen, Bamberg, Köln, Leipzig, Budapest, Petersburg vermitteln, wie unterschiedlich eine Geste aussehen kann.
Ausgangspunkt ist die Dankesgeste an die Ludwigs, die entsprechend an mehreren Stellen auftauchen, sei es im expressiven Porträt des Sammlers von Bernhard Heisig, sei es in den monumentalen Tafeln von Gottfried Helnwein, der die Köpfe des Paares jeweils auf fast zwei Meter hohe Leinwände malte, einmal fotorealistisch, einmal in einer fast schwarzen Variante, bei der man erst nach längerer Zeit erkennt, dass auch in dieser Nachtversion Peter und Irene Ludwig verborgen sind.

Aber das allein machte noch keine Ausstellung. Bedeutsame Gesten durchziehen die bildende Kunst seit ihren Anfängen. Das Christuskind (Süd- oder Ostdeutschland, Anfang 16. Jahrhundert) hebt segnend zwei Finger der rechten Hand. Auf der Tafel über die Kunst des guten Todes (um 1475) lässt der Meister des Sinziger Kalvarienbergs Maria expressiv auf den Gläubigen im Sterbebett zeigen, und Johannes formt die Merkelraute. Auch die tibetanische Figur eines Lama hat die Rechte erhoben, vielleicht zum Segen oder zum Gruß. Auf einem Totentuch aus Peru (1000–1440) sind nicht weniger als 33 Hände abgebildet. Was sie bedeuten? Vielleicht sind es abgeschlagene Körperteile getöteter Feinde, die im Jenseits nützen sollen. Auch auf der attischen Halsamphore (500–490 v. Chr.) werden Hände bedeutungsvoll ausgestreckt.
So buchstabiert die Schau das Sprechen durch Haltung in allen möglichen Bildern und Zusammenhängen durch. Die emotional aufgewühlte Gottesmutter scheint zu tanzen, obwohl der tote Christus auf ihrem Schoß liegt (Pietà, Maasland, um 1644/47).
Der stürmische Liebhaber in der Porzellan-Figurengruppe von Franz Anton Bustelli (1756) bringt seine Angebetete völlig aus der Fassung. Gunter Sachs lässt in seiner Fotografie „Ascot“ (1995) das Model Kirstin Kober gleich 16 mal schauen, zeigen, ihre Brüste präsentieren. Der französische Popkünstler Gérard Gasiorowski abstrahiert in seinem Bild „L‘approche“ (1970) ein Foto aus Asien zu einem Sinnbild von Beifall. Eckart Hahn malt Arme mit Händen als bunte Skulpturen, reine Gesten von der geballten Faust über die Schwurhand bis zur Pommesgabel der Rockfans („Nothingness“, 2015). Und in einer eigenen Abteilung zeigen Maler des Informel wie K.O. Götz, Ernst Wilhelm Nay und Emil Schumacher, dass es auch abstrakte Gesten gibt.
Dabei führt die Schau auch in die jüngste Gegenwart, in Gesten, die noch vor wenigen Jahren unbekannt waren. Wie das Wischen auf dem Smartphone, das Myriam Thyes in raffinierten Foto- und Videoarbeiten thematisiert: In „Smart Tunnel“ (2017) sieht man ein Telefon in Händen, auf dem ein Telefon erscheint, an dem hantiert wird, und immer so weiter. Die Frau auf Heiner Meyers Bild „Lip Check“ (2016) schaut beim Lippenstiftauftragen nicht in den Spiegel, sondern auf ihr iPhone.
Und natürlich haben Gesten auch ihre politische Seite. Thomas Baumgärtel malt 2006 eine jubelnde Bundeskanzlerin Angela Merkel beim 5:3 im Elfmeterschießen für die deutsche Mannschaft. Im Foyer empfängt Wolfgang Mattheuers überlebensgroße Skulptur „Der Jahrhundertschritt“ (1984/85) die Besucher. Die Figur hebt die Rechte zum Hitlergruß, ballt die Linke zur sozialistischen Faust. Und oben am Hals scheint der Körper aufzubrechen wie ein aufplatzender Kokon, in dem der wahre Mensch eingesperrt scheint. Eine mittlerweile ikonische Darstellung der erstarrten Zustände in der zerfallenden DDR.
Bis 13.1.2019,
di – so 11 – 18 Uhr,
Tel. 0208/ 412 49 28,
www.ludwiggalerie.de,
Katalog, Kerber Verlag, Bielefeld, 39,80 Euro
