January 24th, 2023
Wiener Zeitung
Gottfried Helnwein: Gewalt gegen Frauen ist kein Kavaliersdelikt
Shandiz Ahi
Gottfried Helnwein stellt mit einer Plakatserie klar: "Wir dürfen die Menschen im Iran nicht im Stich lassen."
Der österreichische Künstler Gottfried Helnwein setzt mit einer eigenen Plakatserie ein Zeichen für die Bevölkerung im Iran und gegen "Gewalt an Frauen". Nach dem Auftakt am Stephansdom hängt nun seit vergangenen Dienstag ein weiteres großflächiges Plakat eines blutbefleckten Mädchens mit der Aufschrift "My Sister"- mitten im Wiener Botschaftsviertel im dritten Bezirk. Initiiert wurde das Projekt von österreichischen Exiliranerinnen (Wiener NGO "Women without borders" und die "people share Stiftung") als Hommage an die "Woman - Life - Freedom"-Bewegung weltweit.





Der österreichische Künstler Gottfried Helnwein setzt mit einer eigenen Plakatserie ein Zeichen für die Bevölkerung im Iran und gegen "Gewalt an Frauen". Nach dem Auftakt am Stephansdom hängt nun seit vergangenen Dienstag ein weiteres großflächiges Plakat eines blutbefleckten Mädchens mit der Aufschrift "My Sister" an der Fassade des Hoxton Hotels - mitten im Wiener Botschaftsviertel im dritten Bezirk. Initiiert wurde das Projekt von österreichischen Exiliranerinnen (Wiener NGO "Women without borders" und die "people share Stiftung") als Hommage an die "Woman - Life - Freedom"-Bewegung weltweit. Für die Motive wurden Jugendliche mit iranischem Migrationshintergrund abgelichtet. Warum das Thema Gottfried Helnwein ein großes Anliegen ist, erklärt er im Interview mit der "Wiener Zeitung".

Shandiz Ahi spricht mit Gottfried Helnwein.




Sie haben sich künstlerisch nun auch dem Thema Iran und der Revolution, die dort gerade seit Wochen im Gange ist, mit einer eigenen Kampagne angenommen. Aktuell hängt das erste Bild aus dieser Kampagne am Stephansdom. Was war ihre Motivation dahinter, das Thema künstlerisch aufzugreifen?

Helnwein:
Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit hat sich von Beginn an mit dem Thema Gewalt auseinandergesetzt.
Gewalt gegen Wehrlose ist so alt wie die Menschheit.
Vor allem Frauen und Mädchen waren zu allen Zeiten und in allen Kulturen unterdrückt, diskriminiert und männlicher Gewalt ausgesetzt gewesen.
Erst im 18 Jahrhundert ist im Zuge der Aufklärung zum ersten Mal in Europa das Konzept allgemeiner Menschenrechte formuliert worden, und die Frauen haben gehofft, dass die Französische und alle folgenden Revolutionen, auch ihre Revolutionen sein würden, und sind immer wieder enttäuscht worden. Es hiess ja ‘Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit’, von ‘Schwesterlichkeit’ war nie die Rede gewesen.
Es war ein mühsamer Kampf bevor Frauen in der westlichen Welt, erst um 1920 das erste mal wählen durften.
Mittlerweile hat sich die Menschenrechtslage weltweit, unter anderem durch die Ausbreitung fundamentalistisch religiöser Regime, für Frauen wieder deutlich verschlechtert.
Aber der Missbrauch von Frauen und Mädchen geht durch alle sozialen Schichten und Ethnien, von den Reichsten und Mächtigsten in der westlichen Welt bis zu den Ärmsten in der sogenannten 3ten Welt.
Ich habe letztes Jahr im Rahmen der Aktion „Orange The World“, wo eine Gruppe von Frauen sich im Rahmen der UN gegen Gewalt gegen Frauen einsetzten, großformatige Bilder zu diesem Thema in verschiedenen Städten im Öffentlichen Raum installiert.
Im Rahmen meiner Arbeit habe ich immer wieder gesehen, wie ein Bild oft eine viel tiefgreifendere emotionale Wirkung bei Menschen auslösen kann als tausend Worte.

Anlässlich der aktuellen Situation im Iran konnte ich jetzt ein Bild auf dem Stephansdom installieren, mit den Spuren der Gewalt im Gesicht eines Kindes.
Es ist nicht so sehr als politisches Statement gemeint, sondern ein Appell, uns auf die Seite der Opfer zu stellen.
Die Massenmedien haben die Tendenz unsere Aufmerksamkeit immer ausschliesslich auf ein bestimmtes Thema zu konzentrieren und so wichtig die Themen Corona, Klimawandel und der Krieg in der Ukraine, sind, so übersehen wir doch immer den grössten und längsten aller Kriege, den stillen Krieg gegen Frauen und Mädchen in der ganzen Welt.
Ich kann mir nicht helfen, aber wenn im Iran, Afghanistan oder sonst wo in der Welt ein Mädchen vergewaltigt, gefoltert und getötet wird, dann betrifft mich das so als wäre es meine eigene Schwester oder Tochter.


Diese Bewegung im Iran könnte als Vorreiter eines feministischen Befreiungsschlags in dieser gesamten Region etwas lostreten, was ohnehin überfällig ist. Wie sehen Sie das?

Helnwein:
Das könnte in der Tat der erste Dominostein sein, der fällt, das ist eine große Chance.
Wir dürfen jetzt die Frauen und Männer im Iran, die unter dem Einsatz ihres Lebens für ihre Freiheit kämpfen, nicht im Stich lassen, wir dürfen nicht zur Tagesordnung übergehen und zulassen, dass sie ihrem Schicksal überlassen und wieder vergessen werden.
Die Menschen erheben sich weltweit, und die Iraner:innen demonstrieren, auch hier am Stephansplatz zum Glück lautstark und eloquent genug, dass man sie nur schwer übersehen und überhören kann.
Wir müssen endlich aufhören, Gewalt gegen Frauen und Kinder als Kavaliersdelikt anzusehen, und immer irgendwelche Rechtfertigungen zuzulassen.


Braucht es dafür immer schockierende Bilder, um aufmerksam zu machen? Für sehr viele Menschen ist der Anblick von verletzten Kindern und Frauen unerträglich.

Helnwein: Die Menschen sind heute durch die Massenmedien, und vor allem durch das Internet, einer permanenten Flut von Bildern und Informationen ausgesetzt, die sie auch gegen Darstellungen extremer Grausamkeiten mehr und mehr abstumpfen.
Wir haben uns daran gewöhnt, täglich zu erfahren, dass Mädchen auf dem Weg zur Schule verschwinden oder vergewaltigt werden, Frauen ermordet und Teile von Frauenleichen gefunden werden.
Dazu kommt, dass auch in Filmen und Video games drastische Darstellungen von Gewalt, Folter, Vergewaltigung und Tötung als Unterhaltungswert betrachtet werden.
In meinem Atelier in Los Angeles habe ich eines Tages zu zweifeln begonnen, ob das Malen mit Ölfarben auf Leinwand nicht eine völlig anachronistische Tätigkeit war, und von einer oberflächlichen Gesellschaft, von immer raffinierteren elektronischen Special Effects völlig desensibilisiert, gar nicht mehr wahrgenommen wird.
Ich dachte - wer wird denn noch stehen bleiben und ein schlicht gemaltes Bild betrachten?
Die Reaktionen auf meine erste Solo-Show in einem Amerikanischen Museum, in San Francisco, haben mich dann völlig verblüfft - noch nie haben Menschen so emotional auf meine Bilder reagiert wie in dieser Ausstellung. Manche haben geweint, andere haben mich spontan umarmt und sich bei mir bedankt. Eine Frau sagte zu mir: ’Sie wissen wahrscheinlich gar nicht wie wichtig es ist, dass Sie diese Bilder gerade hier und jetzt zeigen”.
Ich habe immer wieder erlebt, dass ein fiktives visuelles Image in der Kunst tiefer gehen, berühren und erschüttern kann, als tausende Bilder und Dokumentationen der sogenannten Realität.
Für mich war meine Arbeit immer ein Dialog gewesen. Ich sehe es wie Marcel Duchamp der gesagt hat: ‘die Kunst ist ein zwei-poliges Produkt, 50% ist der Künstler, 50% der Betrachter,
Und was zwischen diesen beiden Polen passiert, ist so etwas wie Elektrizität.’

Eine junge Frau, die eine Dissertation über meine Arbeit geschrieben hat, hat mir eines Tages erzählt, dass sie mit 14 Jahren zum ersten mal ein Buch mit meinen Bildern gesehen hat, und so erschüttert und aufgewühlt gewesen sei, dass sie zu zittern und zu weinen begann.
Sie war selbst erstaunt über ihre Überreaktion, aber sie konnte sich nicht losreissen und musste immer wieder auf die Bilder schauen, und langsam seien längst vergessene Erinnerungen hochgekommen, und sie erinnerte sich plötzlich an etwas, das sie vollkommen verdrängt hatte. Sie erinnerte sich dass sie als Kind missbraucht worden war. Und dann habe ihr die Beschäftigung mit meinen Arbeiten geholfen, diese traumatischen Erinnerungen zu überwinden.
Und das war nicht das einzige mal, Immer wieder haben mir Frauen, in Zusammenhang mit meinen Arbeiten, erzählten, dass sie als Kinder missbraucht wurden.
Das was jetzt im Iran stattfindet ist der Aufstand der Frauen und Mädchen gegen diese permanente Gewalt und den systematischen Missbrauch.


Wie erklären Sie sich, dass diese Bewegung gerade dort so aufgekeimt ist?

Helnwein: Interessanter Weise, stammt die erste Charta der Menschenrechte in der Geschichte, aus dem antiken Persien.
König Kyros der Grosse befreite damals 500 v. Chr. die Sklaven, stellte Rassengleichheit her und erklärte, dass alle Menschen das Recht hätten, ihre eigene Religion zu wählen. Ihre Bestimmungen entsprechen heute den ersten vier Artikeln der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen.

In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts hatte der Iran ein Demokratisches System unter dem legitim gewählten Premierminister Mossadegh, und Frauen waren dem Gesetz nach den Männern gleichgestellt, durften wählen und orientierten sich nach den Vorbildern westlicher Mode.
Es waren das Britische und das Amerikanische Imperium, die mit Hilfe der CIA-Operation “Ajax” dieser Freiheit ein Ende bereiteten, und die Demokratie im Iran zerstörten, um weiter die Ölressourcen des Landes plündern zu können. Und das führte zum autoritären Regime Shah Reza Pahlavis und schliesslich zur Diktatur der Mullahs.
Der Iran hat generell einen sehr hohen Bildungsgrad und der feministische Freiheitskampf hat eine lange Tradition. Das erklärt auch warum sich so viele Intellektuelle, Student:innen, Künstler und Künstlerinnen dieser Protestbewegung anschliessen, die sich nicht länger von diesen Fundamentalisten terrorisieren lassen wollen.
Die Situation für die Frauen in Afghanistan ist sogar noch schlimmer, da sie vollkommen rechtlos sind, ihr Leben in einem Burka-Sack verbringen müssen, und schon als 8-jährige an irgendwelche stupiden bärtigen “Ehemänner” verkauft, und vergewaltigt werden können. Und natürlich ist es Mädchen verboten zur Schule zu gehen um lesen und schreiben zu lernen.

Aber sogar bei uns durften ja Frauen erst um 1900 das erste mal ein ordentliches Universitätsstudio absolvieren.
Ich muss sagen, ich will nicht in einer Welt leben, in welcher der Hälfte der Menschheit die grundlegendsten Rechte versagt sind. Stellen Sie sich das enorme Potential an Kreativität und Intellekt vor, das der Menschheit durch die systematische Unterdrückung der Frauen verloren gegangen ist.

Wenn wir uns jetzt für die Frauen im Iran einsetzen, setzen wir uns für alle Frauen der ganzen Welt, und letztlich für eine bessere Zukunft der Menschheit ein.