October 29th, 2023
Kurier
Gottfried Helnwein: "Mein Hauptwerk liegt noch vor mir"
Marlene Auer
Seine Werke polarisieren, damit will er Menschen dazu bringen, nicht zu verdrängen. Im Interview spricht er über die Macht der Bilder und darüber, warum er alles in seinem Leben ändern würde - bis auf eines.




Seine Bilder lösen Gefühle aus, die zwischen Verstörung und Betroffenheit pendeln, jedenfalls berühren. Derzeit widmet die Albertina ihm eine Ausstellung, das Thema seiner Werke ist aktueller denn je.

Krieg in der Ukraine, Krieg in Israel: Gewalt dominiert die Welt, sie ist auch Thema Ihrer Bilder. Ist so viel Böses, in der Realität wie in der Kunst, den Menschen zuzumuten? Eigentlich nicht. Aber es geht darum, hinzuschauen. Gewalt gibt es die ganze Geschichte der Menschheit hindurch, man hat stets versucht, sie auszublenden, weil die meisten damit nicht umgehen können. Durch Verdrängung trägt man aber dazu bei, dass es weiter geht. Mein Bild des blutüberströmten Mädchens auf dem Ringturm ist von der Realität schon eingeholt worden, wir können es jetzt hundertfach im Internet sehen: blutige Kinder, hilflos, verwundet, sterbend.



Wie groß ist die Macht der Bilder heute – im Vergleich zu früher?
Wir leben in einer Zeit der Informationsüberflutung, es dringen viel mehr Bilder auf uns ein als je zuvor. Heutzutage kann man das Gemetzel in Echtzeit verfolgen mittels Drohnen, den Helmkameras der Soldaten, und den Handies der Terroristen, die ihre eigenen Taten selbst filmen.
Es ist aber für uns aber kaum möglich, zu unterscheiden welche Bilder und Videos echt sind und welche fake. Die meisten Images werden instrumentalisiert und für Propagandazwecke missbraucht.

Allerdings gibt es Medien, die kritisch und frei darüber berichten, was ist, die Zusammenhänge einordnen und aufzeigen.
Ja, das wäre die Verantwortung der Medien und ich weiß, dass es Journalisten gibt, die sich wirklich um die Wahrheit bemühen. Doch liegt es oft nicht in ihrer Hand: Die Entscheidung, welche Informationen und Bilder von den Nachrichtenagenturen geliefert werden und welches Bildmaterial ins Netz gestellt wird, und was zensiert wird, treffen andere.

Eine Meinung, mit der Sie wohl anecken, doch für Polarisierung sind Sie bekannt.
Schon, doch ich halte eine gesunde Distanz zu jeder Ideologie und Partei. Wenn man sich irgendeinem Glaubenssystem unterordnet, verliert man seine eigene, freie, unvoreingenommene Sicht. Man fühlt sich natürlich sicherer, Teil der Masse, der Mehrheit zu sein.
Allein und einsam, gegen Strom, seinen eignen Standpunkt öffentlich zu vertreten kann gefährlich sein, siehe Sophie Scholl.

Wie gehen Sie mit den teils heftigen Reaktionen auf Ihre Kunst um?
Anfänglich haben meine Arbeiten immer wieder für Aufregung gesorgt, aber ich habe nie ein Problem damit gehabt, denn ich habe meine Kunst immer als Dialog verstanden, und daher respektiere ich die Menschen, die auf meine Bilder reagieren und ich nehme ihre Reaktionen und Emotionen ernst.
In den letzten zwei Jahrzehnten habe ich jedoch vorwiegend positive Reaktionen, und ich habe den Eindruck, dass meine Arbeiten viele Menschen berühren, und dass sie ihnen etwas bedeuten.

Was kann Kunst in Kriegszeiten bewirken?

Kunst kann die Ereignisse nicht verändern, aber sie kann den Menschen einen differenzierten Blick auf die Geschehnisse geben, die so grauenhaft sind, dass sie kaum zu ertragen sind. Die Unentrinnbarkeit des Schreckens wird durch Ästhetik transzendiert und relativiert. Durch die Kunst verliert der Tod seine Macht.
Und Kunst kann uns auch daran hindern zu vergessen. Es würde sich wohl niemand mehr an die kleine spanische Stadt Guernica erinnern, in der 8000 Menschen durch deutsche Bomben getötet wurden, wenn Picasso diesem Ereignis nicht ein Bild mit dem Namen dieser Stadt gewidmet hätte.
Nun ist dieses Ereignis für immer in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt, und wir werden es nie vergessen können.

Es geht auch darum, wie dargestellt wird. Sie nennen hier Goya als Vorbild, er zeigte die Schlachten im 19. Jahrhundert, was beeindruckt Sie dabei so?
Vor Goya sind Kriege und Schlachten in der Kunst in der Regel als heroische Ereignisse glorifiziert worden, Napoleon in prächtiger Uniform und wallendem Mantel auf einem sich aufbäumenden Schimmel, heldenhafte Kämpfer, die über geschlagene Gegner triumphieren.
Wie in den meisten Kriegsdarstellungen, bis heute: Propaganda.
Goya hat als erster Künstler der Geschichte, in seinen Radierungen den Krieg als das dargestellt, was er wirklich ist. Es ist der Augenblick, in dem der Mensch auf die tiefste Stufe seiner Existenz sinkt, und zur Bestie wird. Und er hat dabei nicht Partei genommen, weder für die eine, noch die andere Seite.
Ich habe diese Radierungen in meinem Atelier in Irland an der Wand, damit sie mir immer gegenwärtig sind.

Wenn Sie, so wie er, die Gegenwart in einem Bild festhalten: Welche Szene würden Sie wählen?
Ich bin weder Journalist, noch Kriegsfotograf oder politischer Analyst. Es ist nicht meine Aufgabe, konkrete Ereignisse zu beschreiben. Ich kann nur versuchen den Betrachtern einen neuen Blick auf die Geschehnisse zu ermöglichen, und eine Ahnung von dem zu vermitteln, was all dem zu Grunde liegen könnte.

Sie zeigen Kinder und Frauen als Opfer. Man könnte sie aber auch mit Stärke inszenieren und damit ein anderes Narrativ schaffen, eine Vision dessen, was gut und möglich wäre.
Meine Kunst ist nicht dazu da, Vorschläge zu machen oder Antworten zu geben, sondern Fragen zu stellen. Die Menschen zu ermutigen, das anzusehen was ist, und eigene Schlüsse zu ziehen.

Wie gehen Sie eigentlich damit um, sich ständig mit Gewalt auseinander zu setzen?

Ich habe gar keine Wahl. Für mich war das Thema Gewalt immer präsent, aus irgendeinem Grund habe ich deren Existenz nie verdrängen oder vergessen können, vor allem, seit ich in meiner Kindheit vom Holocaust erfahren habe, begann ich geradezu obsessiv mich damit auseinander zusetzen, und nach Antworten zu suchen.

Neben den Kriegen gibt es auch viele weitere Krisen dieser Welt: Kindermissbrauch, Femizide, Folter. Was davon beschäftigt Sie am meisten und wie fliesst das in Ihre Kunst ein?
Mein Fokus ist immer auf den Opfern, ich will mich an ihre Seite stellen, und ich will die Menschen zwingen sie anzusehen.
Bei dem Anblick eines getöteten Kindes hören all die gegenseitigen Beschuldigungen und Rechtfertigungen der Kriegsführenden auf.
Kein Kind hat das verdient. Kinder, Frauen und unbeteiligte Zivilisten sind immer die Hauptleidtragenden in allen Kriegen. Die Verursacher und Profiteure dieser Katastrophen beobachten das Geschehen immer aus sicherer Distanz.
Die Menschen haben in den letzten 100 Jahren, in atemberaubender Geschwindigkeit Technologien entwickelt, die alles übertreffen, was man sich je hätte träumen lassen. Der grösste Teil der finanziellen und kreativen Energie geht in die Entwicklung immer effektiverer und raffinierterer Waffensysteme. Es gibt nun genug davon, um alles Leben auf diesem Planeten auszulöschen.
Leider hat sich die Menschheit moralisch und ethisch nicht weiterentwickelt, und steht heute immer noch auf der Stufe der Steinzeitmenschen.
Und das ist unser Problem: High-Tech Waffen in den Händen von Idioten.

Muss Kunst heute lauter „schreien“, mehr auffallen, um wahrgenommen zu werden?

Heute muss man sich als Künstler inmitten einer gigantischen Informations- und Bilderflut behaupten. Das Prinzip der Kunst ändert sich nicht, aber sie muss natürlich die Sprache ihrer Zeit sprechen, damit sie wahrgenommen und verstanden werden kann. Grösse kann ein Kriterium sein, aber es ist immer Qualität, Intensität und Radikalität, worauf es ankommt.

Kürzlich sind Sie 75 Jahre alt geworden. Doch Alter ist keine Frage der Jahreszahl, sondern des Lebensgefühls. Wenn Sie in sich hineinhören: Wie alt fühlen Sie sich?
Ich bin alterslos. Der Körper verändert sich zwar, aber ich selbst bin keinen Alterungsprozess unterworfen. In den Jahren habe ich Gottseidank ein bisschen was dazu gelernt, und ich beginne langsam manches zu verstehen.
Heute bin ich mehr konzentriert und disziplinierter als früher, und ich vergeude nicht mehr so viel Zeit wie in der Vergangenheit.

Wobei war das der Fall?
In meiner Jugendzeit, kurz nach dem Kriegsende, waren wir desorientiert und mussten uns erste finden, und uns aus dem Trümmhaufen, den uns unserer Eltern hinterlassen hatten, befreien.
Zügellosigkeit, Anarchie, Rundumschlag und Alkohol erschienen vielen als die einzig mögliche Strategie gegen das Spiessertum.
Aber dieser Befreiungskampf hat sich natürlich auch in der Kunst dieser Zeit manifestiert: im Wiener Aktionismus, Handkes Publikumsbeschimpfung und Wolfgang Bauers “Magic Afternoon’.

Sie waren damals viel mit Manfred Deix zusammen. Könnte man seine Karikaturen heute noch so zeigen?
Es wird schwerer, denn Ende der 60er bis Anfang der 80er Jahre hatten wir uns ein unglaubliches Maß an Freiheit erobert, das wir für irreversibel hielten.
Wir dachten, wir könnten alle Tabus brechen, Political Correctness gab es nicht. Doch es war nur eine kurze Illusion. Heute verlieren wir diese Freiheiten wieder. Es ist eine seltsame Art von Zensur, die von überall her kommt, auch von Links.

Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich sagen?

Es gibt Menschen, die sagen: Müsste ich noch einmal von vorne anfangen, würde ich nichts ändern. Das kann ich nicht sagen, denn das würde bedeuten, dass ich nichts dazugelernt hätte. Ich würde fast alles ändern.
Nur das Leben mit meinen Kindern, die sogenannte Erziehung würde ich genauso wiederholen. Da habe ich nichts falsch gemacht, meine Kinder waren immer vollkommen frei, ich habe mich nie als Vorgesetzten gesehen sonder als Freund, als Verbündeter und Komplize. Vielleicht würde ich nicht nur vier Kinde haben, sondern zehn.

Und was würden Sie sonst anders machen?

Ich würde mich total auf meine Arbeit konzentrieren, gründlicher und hartnäckiger lernen, und mehr Orte und Menschen kennenlernen.

Was haben Sie noch vor in Ihrer Karriere?

Ich bin noch ziemlich am Anfang, mein Hauptwerk liegt noch vor mir.

Arbeiten Sie bereits daran?

In meinem Kopf arbeite ich immer daran, ich muss mich nur weiter vortasten, und ich lasse mich einfach überraschen.