Hallo, was lesen Sie, Gottfried Helnwein?
Das fragt Manfred Rebhandl wöchentlich Menschen des öffentlichen Lebens. Diese Woche: Gottfried Helnwein (75) ist ein österreichischer Maler
Als Kind ließ sich sein Geist von Märchenbüchern aus dem ungeliebten Wien entführen, jedenfalls bis er "Das große Buch der Weisheit" fand – sein erstes Mickey-Mouse-Hefterl. "Das war eine solche Erleuchtung, dass mein Leben erst danach richtig begonnen hat." Jetzt, da er längst Weltstar geworden ist, nennt er sich einen "fanatischen, anarchistischen, undisziplinierten Leser, ich lese alles. Ich habe in jedem Zimmer meiner Wohnsitze eine Bibliothek, auch im Atelier stapeln sich die Bücher, und mit mir trage ich ebenfalls ständig welche herum." Was ihm nämlich an Wien, in das er mit neu entflammter Liebe für die Stadt zurückgekommen ist, gefällt, "das sind die Innenstadtbuchhandlungen an jeder Ecke mit ihren ausgewählten Sortimenten, das gibt es in der ganzen angelsächsischen Welt nicht, dort gibt es nur Schas. Als ich wegging, war mir Wien zuwider, aber es hat sich verändert, ich habe mich verändert, und sogar die Wiener mag ich mittlerweile!" Beispiel? "Das Büro des Bürgermeisters ist voll mit Büchern – in welcher Stadt gibt’s denn das sonst noch?"
Komplett linear
Entdeckt hat er aber auch das Audiobook für sich: "Sosehr mir die digitale Welt ansonsten zuwider ist – das ist eine geniale Erfindung! Da höre ich Weltliteratur, während ich male. Meinem guten Freund Christoph Ransmayer und dessen Roman Cox oder Der Lauf der Zeit kann ich z. B. ewig zuhören, das trägt mich einfach weg."
Das Buch aber, das ihn am längsten beschäftigt und das er am meisten liebt, ist Der Nachsommer von Adalbert Stifter:
"Das ist der einzige Roman, den ich kenne, der keine Gegensätze hat, kein Gut oder Böse, keinen dramatischen Höhepunkt, keinen Plot, keine Liebesgeschichte, kein Drama, keinen Absturz, es ist komplett linear – alles, was gemeinhin als unverzichtbar gilt, fehlt hier. Gerade darum ist es aber eines der modernsten und zeitlosesten Bücher überhaupt, es ist stets wie ein Wunder, es zu lesen!"
"Es war übrigens Nietzsche, der gesagt hat, Nachsommer sei das wichtigste Werk deutscher Prosa, aber auch Karl Kraus, Peter Handke und Thomas Mann haben dieses Werk bewundert".
Ob es also auch im Büro des Wiener Bürgermeisters steht? Wer weiß.
Buchtipp: Adalbert Stifter, "Der Nachsommer". Roman. € 18,50 / 784 Seiten. dtv, München 2017