January 27th, 2024
Westfahlenpost
Helnwein kommt ins Osthaus Museum
Monika Willer
Die Bilder des Meistermalers zeigen krasse Gewaltdarstellungen und sind umstritten. Warum Gottfried helnwein sie trotzdem malt, verrät er im Interview
Für Tayfun Belgin ist der Mann einer der wichtigsten lebenden Künstler. Deshalb zeigt der Direktor des Hagener Osthaus-Museums ab März eine große Werkschau des österreichischen Malers Gottfried Helnwein. Die meisten Bilder kommen aus der Wiener Albertina, wo Helnwein derzeit die Säle füllt.



Die Anbetung der Könige ist ein Motiv der klassischen Malerei. Gottfried Helnwein stellt die Bildtradition 2013 als Epiphany 1 nach. Die Mutter Aria präsentiert NS-Offizieren den neuen Erlöser, ihren Sohn Adolf, die das Kind von Kopf bis Geschlechtsteil prüfend begutachten. Vorlage ist eine Fotografie, die Hitler im Kreis seiner Anhänger zeigt.

Hagen. Für Tayfun Belgin ist der Mann einer der wichtigsten lebenden Künstler überhaupt. Deshalb zeigt der Direktor des Hagener Osthaus-Museums ab März eine große Werkschau des österreichischen Malers Gottfried Helnwein. Die meisten Bilder kommen aus der Wiener Albertina, wo Helnwein derzeit die Säle füllt. Für viele Kunstexperten ist der 75-Jährige ein umstrittener Maler, denn er bringt verletzte und misshandelte Kinder hyperrealistisch auf die Leinwand. Wird Helnwein in Hagen also zum Triumph oder zum Skandal? Das fragt die Redaktion den Künstler.




Ihre Bilder sind umstritten. Denn sie zeigen Gewalt an Kindern.

Die Leute reagieren sehr emotional auf meine Bilder, sie lassen die Betrachter nicht kalt. Aber dieses Phänomen begleitet jede relevante Kunst. Ich respektiere die Gefühle und Reaktionen der Menschen auf meine Arbeiten.
Für mich ist Kunst ein Dialog, der Betrachter ist dabei genauso wichtig wie der Künstler; und ich nehme mein Publikum ernst. Ich habe immer mit Gegenwind gearbeitet, von Anfang an, aber ich habe gelernt, das als Vorteil zu empfinden, weil es mich zwingt, meine Position immer wieder genau zu definieren, und zu überprüfen, wofür ich stehe.


Kommen die negativen Reaktionen vielleicht, weil zu wenig erklärt wird, was Sie mit ihren Gemälden ausdrücken wollen?

Ein Kunstwerk muss sich selbst erklären, und es muss im Stande sein, bei einem Menschen etwas auszulösen, was immer das auch sein mag, Verunsicherung, Freude, Empörung, Tränen, es muss irgend etwas bewirken. Bilder haben haben eine gewisse Macht, sie können manchmal Dinge im Unterbewusstsein des Betrachters berühren, von denen er vorher gar nicht wusste, dass sie da sind.
Ich habe in den 40, 50 Jahren meiner Laufbahn viele emotionale Reaktionen erlebt, manchmal weinen die Menschen sogar vor meinen Bildern. Und das hat mich immer wieder motiviert, weiterzumachen, und mir das Gefühl gegeben, meine Arbeit habe einen Sinn. Und von den Reaktionen der Menschen auf meine Bilder habe ich mehr gelernt, als von allen Experten und wissenschaftlichen Theorien.

Es sind aber schon heftige Szenen, die sie malen.

Meine Arbeit hat tatsächlich viel mit dem Thema Gewalt zu tun und der Verletzlichkeit des Menschen.
Als ich in meiner Jugend vom Holocaust erfahren habe, ist mein Grundvertrauen in die Gesellschaft und die Tradition meiner Elterngeneration zusammengebrochen, und seitdem beschäftige ich mit der Frage woher diese Obsession kommt, jemandem Schmerzen zuzufügen, der sich nicht wehren kann.
Von Anbeginn der Geschichte ist Gewalt ein Teil jeder menschlichen Gesellschaft gewesen, vor allem die Gewalt gegen die Wehrlosen, gegen Frauen und Kinder. Meine Arbeit ist der Versuch, mich mit dieser schwierigen Thematik auseinander zu setzen und vielleicht auch, um den Opfern eine Stimme zu geben.


Mit Gewaltdarstellungen tun sich Museen heute schwer, sie werden mit Warnhinweisen versehen. Auch in Hagen wird es vermutlich an der Kasse einen Warnhinweis geben. Ärgert Sie das?

Kuratoren stellen sich immer wieder die Frage, ob meine Themen nicht zu radikal sind, und die Betrachter verstören, und deren Gefühle verletzen könnten. Und das in einer Welt in der jeder, von Kindheit an, ständig durch die Medien und das Internet, allen nur denkbaren Formen von Gewalt ausgesetzt ist. Während die raffinierte und explizite Darstellung von Terror und Gewalt, für Action-Filme und Computer Games als unverzichtbar gilt, will man in der Kunst, die Menschen durch Zensur schützen.


Warum sehen Sie die Debatte um Warnhinweise und Kontextualisierungen so kritisch?

Seit es Kunst gibt, gibt es auch Anstrengungen, sie zu zensieren und zu verhindern, natürlich immer unter dem Vorwand, die Menschen damit nur beschützen zu wollen.
Jede Bevormundung und Zensur der Kunst sollte ein Warnsignal sein, denn dort setzt die Unterdrückung der Meinungsfreiheit immer zuerst an, und das Recht auf freie Meinungsäusserung ist die Grundlage der Demokratie. In einer demokratischen Gesellschaft muss man die Freiheit haben, auch etwas Falsches oder Dummes zu sagen. Das Leben ist doch viel unterhaltsamer, wenn es viele unterschiedliche Menschen, mit allen nur möglichen seltsamen und verrückten Ideen und Vorstellungen gibt, als im Gleichschritt hinter irgendeinem Arschloch her marschieren zu müssen.





Gottfried Helnwein und Tayfun Belgin, Direktor des Osthaus Museums in Hagen.