March 19th, 2024
Ruhr Nachrichten
Horror ist immer dabei
Kai-Uwe Brinkmann
Hagen. Gottfried Helnwein ist zu Gast im Osthaus Museum, das unter dem Titel „Realität und Fiktion“ 40 seiner Gemälde präsentiert. Beklemmend gute Bilder.
Bilder, die verstören und provozieren. Helnwein nahm immer in Kauf, dass Politik und Kultur-Verweser ihn mit Dreck bewarfen, nicht nur in seiner Heimat Österreich. Dabei ist er ein Humanist und Moralist, der gegen die Grausamkeit der Welt anmalt.



Gottfried Helnwein (75) will Leute vor den Kopf stoßen. Er malt gequälte Kinder, er malt Hitler im trauten Gespräch mit Micky Maus. Er zitiert die Bibel und stellt einer Madonna mit Kind statt der Heiligen Drei Könige eine Riege von SS-Chargen zur Seite. Ist der Jesus dort Klein-Adolf?
Bilder, die verstören und provozieren. Helnwein nahm immer in Kauf, dass Politik und Kultur-Verweser ihn mit Dreck bewarfen, nicht nur in seiner Heimat Österreich. Dabei ist er ein Humanist und Moralist, der gegen die Grausamkeit der Welt anmalt.
Gemalte Albträume
In Hagen sind sie zu besichtigen, Nachtmahre und Albträume eines Künstlers, der 1978 das Cover eines Scorpions- Albums gestaltete und seitdem auch im Rock einen Namen hat. Das Osthaus Museum zeigt die Ausstellung „Realität und Fiktion“. Mit Arbeiten, die in der Wiener „Albertina“ eine Schau zu Helnweins 75. Geburtstag schmückten. 40 Gemälde, eine Plastik. Nach Sujets gruppiert, in Räumen gehängt, wo Motive von drei mal zwei Metern wirken können.

Wer die Faszination großformatiger Helnweins spüren will, liegt in Hagen richtig. Vorab war Gelegenheit, Gottfried Helnwein (Bandana-Kopftuch, Sonnenbrille, sechs Totenkopf-Ringe: (eine
Marke!) im Museum zu treffen. Beim Rundgang erzählte er von Erlebnissen, die das Wesen seiner Kunst definieren. Wie er das erste Micky Maus-Heft in Händen hielt, den Kosmos von Entenhausen lieben lernte und „Donaldist“ wurde. Wie er als Jungspund den Prozess gegen einen SSMann verfolgte und entsetzt war, als der Massenmörder frei blieb. „Dagegen wollte ich an mit meiner Malerei.
Das hat mich empört und geprägt. Ich war ein 68er.“ Seither kreist Helnweins Arbeit um Monster, Taten, schreckliche Zustände. Es sind fratzenhafte Reflexe auf eine Realität, die in Helnweins Inszenierungen zu schwarzer Fiktion gerinnt, aber welthaltig bleibt.
Schlaglichter aus einer Welt voller Opfer. Wo Kinder misshandelt und getötet werden. Oder selber töten, wie bei Schulmassakern in Helnweins Wahlheimat Amerika.
Im Osthaus Museum hängen Bilder der Serie „The Disaster of War“: Mädchen zielen mit Waffen, als posierten sie für den fiktiven Hollywood-Film „Natural Born Killer Lolitas“.

Die Deutung liegt beim Betrachter, der assoziativ Sinn und Tiefe suchen soll. In den Collagen legt Helnwein Fährten aus. Offen politisch war er nie, er hasst jede Propaganda, er macht Kunst. Den „orangen Jesus“ Donald Trump zeigt er eben nicht.
Das Kopfkino anwerfen
Gegen den Vietnamkrieg hat Helnwein schon gemalt, auf einer Ebene, die Bildung und Kunstverstand verrät, der Mann ist schließlich ein Studierter.
„Erwarten Sie nicht, dass ich meine Bilder erkläre“, sagte Helnwein, „das tue ich nie. Ich will, dass Leute
ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen, das ist mein Ziel.“
Raffiniert subtil beschwört Helnwein Horror, Grusel, Beklemmung. Er will unser Kopfkino anwerfen, dunkle Abgründe der Welt und des Menschen ausleuchten. Der Weg nach Hagen lohnt. Wer Helnweins kleine, große Horrorshow besucht, kommt garantiert auf Gedanken.


Gottfried Helnwein, optisch ein Rockstar-Veteran, vor einem Motiv der Werkserie „The Disaster of War“.




Osthaus Museum Hagen:
„Gottfried Helnwein – Realität
und Fiktion“, 17.3. bis 30.6., Museumsplatz
1, Di-So 12-18 Uhr,
Katalog 30 Euro.
www.osthausmuseum.de