March 28th, 2024
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Worüber die Kirche besser verstört sein sollte
Heinz Sichrovsky
Für den Stephansdom ungeeignet: zwei Kunstwerke von Gottfried Helnwein bleiben im Depot.
Die ungeheuerlichen Obszönitäten und Gewalttätigkeiten des Alten wie des Neuen Testaments haben schon dazu geführt, dass minderjährige Amerikaner auf dem Verordnungsweg vor der Bibel beschützt werden. Solch ein unwürdiges (Dom)kapitel unserer Zivilisation wollen wir doch nicht aufschlagen? Und dass jetzt just das Bild eines gequälten Kindes unwillkommen ist: Das beweist, dass manche Herrschaften ungeachtet aller Aufarbeitungsbemühungen noch lang nicht genug verstört worden sind.



Der Totenkopf ging gerade noch. Zumal der liturgische Designklassiker ein paar Etagen tiefer in Zehntausenderstärke besichtigt werden kann: Für die Bereicherung der Totenruhe in den Katakomben des Stephansdoms entrichten Erwachsene € 7, Kinder € 2,50.
Aber jetzt ist Schluss mit Helnwein! Nach nicht näher benannten Protesten hat das Domkapitel verfügt, dass dem Fastentuch mit den Totenköpfen kein Oster- und kein Pfingsttuch mehr folgen wird. Der österreichische Weltkünstler hat der Erzdiözese alle drei Sujets geschenkt, aber statt ihm zumindest Gottes Lohn zukommen zu lassen, wird er zum Teufel gejagt. Insgesamt dürfte hier ja die Verwechslung von Gottes Werk und Teufels Beitrag vorliegen, eine allzu preisgünstige Realverfilmung des Romans von John Irving:
Die Bilder, so erfahren wir, könnten als „verstörend“ empfunden werden. Insbesondere das Ostertuch mit dem Bild eines blutenden Kindes wäre der Gläubigenschaft nicht zumutbar.
Nun würde ich gern sachte nachfragen, was es mit den Verstörungen innerhalb der katholischen Liturgie so auf sich hat. Das im Dom affichierte gotische Lettnerkreuz zum Beispiel zeigt einen massiv Gefolterten. Die Schergen haben ihm einen Kranz scharfer Dornen in den Kopf gedrückt, Hände und Füße sind mit mehrzölligen Nägeln fixiert. Ob in der Seite eine Wunde klafft, werde ich (versprochen) alsbald verifizieren, wundern würde es mich nicht. Hingegen wäre ich erstaunt, wenn sich das identitätsstiftende Sujet im Gotteshaus nicht vielfach wiederfände.

Oder wie halten wir es mit dem als Höhepunkt der Messfeier praktizierten Kannibalismus, dem Konsum von Fleisch und Blut? Den sadomasochistischen Märtyrerlegenden? Der Schwängerung Mariens durch drei als männlich wahrgenommene Gestalten, unter ihnen ihr ungeborener Sohn? Damit Sie mich nicht missverstehen: Ich schätze die Mysterien aller Kulturen, die voll archetypischer Schrecknisse sind, weil sie auf den Grund unserer kollektiven Ängste und Begierden führen.
Die ungeheuerlichen Obszönitäten und Gewalttätigkeiten des Alten wie des Neuen Testaments haben schon dazu geführt, dass minderjährige Amerikaner auf dem Verordnungsweg vor der Bibel beschützt werden. Solch ein unwürdiges (Dom)kapitel unserer Zivilisation wollen wir doch nicht aufschlagen?
Und dass jetzt just das Bild eines gequälten Kindes unwillkommen ist: Das beweist, dass manche Herrschaften ungeachtet aller Aufarbeitungsbemühungen noch lang nicht genug verstört worden sind. In einer Seitenkapelle des Stephansdoms hängt die von den Nazis liquidierte Märtyrerin Schwester Restituta in der wutglühenden Darstellung Alfred Hrdlickas. So stelle ich mir das vor und bitte den Dompfarrer, der das Osterfest zuvor schon in die Hände des Weltkünstlers Erwin Wurm gelegt hatte, sich in seinen gottgefälligen Anstrengungen nicht beirren zu lassen.