July 7th, 2021
klaushonnef.de
Die Malerei ist tot. Es lebe die Malerei.
Klaus Honnef
Die Malerei ist tot. Es lebe die Malerei. Zu einem Triumph der Malerei gestaltete sich die brillant von Beate Reifenscheid inszenierte Ausstellung von Gottfried Helnwein im Ludwig Museum Koblenz.



Die Malerei ist tot. Es lebe die Malerei. Zu einem Triumph der Malerei gestaltete sich die brillant von Beate Reifenscheid inszenierte Ausstellung von Gottfried Helnwein im Ludwig Museum Koblenz. Die Nachfrage ist entsprechend. Die Dauer der Ausstellung nur noch begrenzt. Seit Januar musste ihre Eröffnung mehrfach aus bekannten Gründen verschoben werden. Die erste Auflage des Kataloges ist ausverkauft, in dem Beate und ich uns aus ganz unterschiedlichen Perspektven dem Werk des Künstlers genähert haben. Die Ausstellung, die überwiegend aus mittel- und großformatigen Leinwänden besteht, hebt sonor in dunklem Grau und Blau an, Helweins klarer Blick zurück in die deutsche Geschichte mit dem berühmten Gemälde des Dialog eines freundlichen lächelnden Hitler - in den Fotografien, die in lächelnd zeigen wollen, erscheint stets eine merkwürdige Grimasse - mit dem zähnefletschenden Mickey vor der Kulisse einer kriegszerstörten Großstadtstrasse und vielen anderen Bildern, die einem, je länger man sich in sie vertieft, eine Gänsehaut bescheren. Sie endet im kräftigen Rot der Explosionen und Katastrophen, die Menschen wie Papierschnitzel in die Luft blasen.
Helnweins Apokalypse. Ich hätte mich geärgert, wenn ich diese fabelhafte und fabelhaft kuratierte Ausstellung nicht gesehen hätte. Was sich auf den Bildern tut, ersieht, erfühlt und erkennt man - alles zugleich - vor und in Korrespondenz mit ihnen. Helnwein transzendiert die Motive und das Medium, das er in Anschlag bringt, er überschreitet das eine wie das andere und überführt es in ein beunruhigendes Osziliieren.
Nicht einen Hauch von Illustration, die mir angeblich engagierte Malerei so abstoßend macht. Viele der Bildkniffe, die der Künstler einsetzt, sind fotografischen Ursprungs. Doch seine Malerei ist weit entfernt von jedem Fotorealismus. Denn die Farben der Fotografie sind nicht die Farben der Malerei. Sie unterscheiden sich in puncto Ausstrahlung und Charakter beträchtlich. Evident wird dies in den fotografischen Reproduktionen seiner Bilder. Dann scheinen die Gemälde ins Reich der Fotografie zu fallen. Von Angesicht zu Angesicht entfalten sie sich dagegen als hinreißende Malerei von einzigartigem Rang. Nichts als Malerei, keine Anti-Malerei, keine Neue-Malerei, Malerei auf der Höhe der Zeit und ihrer Bildmedien.

Klaus Honnef15.Juni, 2021






English translation
Painting is dead. Long live painting. The exhibition by Gottfried Helnwein, which was staged by Beate Reifenscheid, was designed to be a triumph of painting at the Ludwig Museum Koblenz. Demand is corresponding. The duration of the exhibition is limited. Since January, their opening had to be postponed several times for known reasons. The first edition of the catalogue is sold out, in which Beate and I approached the artist's work from very different perspectives.
The exhibition, which consists predominantly of medium and large-size canvases, lifts sonor in dark grey and blue, Helwein's clear view back into German history with the famous painting of the dialogue of a friendly smiling Hitler - in the photographs that want to show in smiling , a strange grimace always appears - with the teeth-flipping Mickey in front of the backdrop of a war-destroyed city street and many other pictures, which, the longer you deepen into it, give you goosebumps. It ends in the vigorous red of explosions and disasters blowing people up like paper cutlets. Helnwein's apocalypse I would have been annoyed if I hadn't seen this fabulous and fabulously curated exhibition. You can see, fulfill and recognize what happens in the pictures - all at the same time - before and in correspondence with them. Helnwein transcends the motives and the medium he puts into battle, he crosses one like the other and transfers it into a disturbing oscillating.
Not a touch of illustration that allegedly committed painting makes me so disgusting. Many of the pinches the artist uses are of photographic origin. But his painting is far from any photorealism. Because the colors of photography are not the colors of painting. They differ considerably in terms of charisma and character. Evident will do this in the photographic reproductions of his images. Then the paintings seem to fall into the realm of photography. On the other hand, they unfold as gorgeous painting of unique rank. Nothing but painting, no anti-painting, no new painting, painting at the height of time and its image media.


Klaus Honnef
June 15, 2021





AusstellungLudwigmuseum Koblenz
Gottfried Helnwein - Schlaf der Vernunft11.4.2021 - 20.6.2021
Die Ausstellung wurde von einem umfangreichen Katalog (dt./engl.) begleitet. Autoren: Klaus Honnef (Kurator, Kunstkritiker), Demetrio Paperoni (Kurator, Kunstkritiker), Beate Reifenscheid (Direktorin, Kuratorin, Ludwig Museum, Koblenz), Verlag: Silvana Editoriale, Mailand, deutsch-englisch, 176 Seiten