Die Skulptur, um die es geht, trägt den Titel Crowning ("Krönung") und enthält damit einerseits eine Anspielung auf die Krönung der heiligen Maria, andererseits auf einen spezifischen Moment des menschlichen Geburtsvorgangs. Sie zeigt eine gebärende Maria, mit gespreizten Beinen auf einem Felsen sitzend, im Moment des Geburtsvorgangs, in dem das Köpfchen des Kindes bereits sichtbar, aber noch fest vom Körper der Gebärenden umschlossen ist. Ausgestellt wurde die Figur im Rahmen des Projektes "DonnaStage", einem Format, das sich anlässlich des 100-jährigen Weihejubiläums des Mariendoms in Linz in Form von Installationen, Workshops und Diskussionsveranstaltungen explizit mit Frauenrollen, Familienbildern und Geschlechtergerechtigkeit befasst.
Der gesellschaftspolitische Kontext
Die Enthauptung der Skulptur im Ausstellungsraum wurde von ultrakonservativen Stimmen in einschlägigen Internetforen und via Telegram begleitet. So finden sich auf Citizen Go aktuell zwei Petitionen, die beide die Entfernung der Skulptur fordern. Citizen Go ist eine transnational organisierte Stiftung, die weltweit online Petitionen initiiert. Sie fällt auf nationaler und internationaler Ebene immer wieder mit ultrakonservativen Positionen im Themenbereich des "Anti-Genderismus", also etwa der Ablehnung der gleichgeschlechtlichen Ehe oder dem Kampf gegen Selbstbestimmung bei Schwangerschaftsabbrüchen, auf. Die Stiftung beschreibt sich als Organisation der Zivilgesellschaft beziehungsweise als Zusammenschluss zivilgesellschaftlicher Akteure. Wikileaks-Dokumente aus dem Jahr 20212 enthüllten jedoch ein Beziehungsnetz zu rechtspopulistischen Parteien in Europa sowie die teilweise Finanzierung durch russische Oligarchen.
Dass die gebärende Maria als Bild (und zwar unversehrt) zum Medienereignis geworden ist, ist dem anonymen Vandalen zuzuschreiben.
Ulrich Kehrer
Der oder die für den Vandalismus in Linz verantwortliche/n Täter konnte/n bisher nicht ermittelt werden. Allerdings wurde ein angebliches Bekennerschreiben auf dem Telegramkanal eines bekannten österreichischen Traditionalisten und Verschwörungstheoretikers veröffentlicht, der wiederum seinerseits durch eine ähnliche Protestaktion am Rande der Amazonassynode 2019 einem größeren Kreis von Katholikinnen und Katholiken bekannt wurde. Somit stehen die Ereignisse in Linz erstmal nicht nur für sich. Sie sind Teil einer transnationalen Entwicklung, in der eine international gut vernetzte christliche Rechte vor dem Hintergrund einer sehr konservativen Auslegung christlicher Werte nach der Deutungshoheit über Geschlechterrollen und Familienbilder strebt.
Ein anonymes Bekennerschreiben
Das elektronisch veröffentlichte anonyme Bekennerschreiben weist den Linzer Vandalismus als vorsätzliche Handlung aus religiösen Motiven aus. Das ermöglicht, das Geschehen besser einzuordnen. Offensichtlich handelt es sich um eine bewusste Intervention und nicht um einen Akt unkontrollierten Vandalismus unter Alkohol- oder Drogeneinfluss oder um eine verwirrte Tat. Auch sind keinerlei Anzeichen vorhanden, dass es sich um eine radikale künstlerische Geste handele, die ein Kunstwerk (in einem zugegebenermaßen brutalen Akt) überschreibt und damit selbst ein künstlerisches Statement setzt.
In seinem Bekennerschreiben berichtet der "Held von Linz", wie er vom Betreiber des Telegramkanals genannt wird, dass das Abschneiden des Kopfes der Statue lediglich eine Notlösung war, weil sich das Zersägen des Rumpfes als zu lärmintensiv erwiesen habe und zu lange gedauert hätte. Das weist nicht nur auf eine mangelhafte Vorbereitung im Vorfeld hin, sondern auch darauf, dass er bei seiner Aktion nicht auf Zuseher:innen und Zuhörer:innen gesetzt hat. Er wollte anonym bleiben. Unabhängig davon, wie man die Handlung beurteilt, verliert sie schon damit den Geschmack des Heldenhaften. In einem funktionierenden Rechtsstaat im öffentlichen Raum anonym einen Akt des Vandalismus zu setzen hat nichts mit Heldentum zu tun. Demokratie und Rechtstaatlichkeit sind dadurch ausgezeichnet, dass sie andere Diskursformen kennen als Akte der Sachbeschädigung. Die Künstlerin Esther Strauß ist wie auch das Team, welches die Reihe "DonnaStage" kuratiert, mit realem Namen in die künstlerische Aktion gegangen; der "Held von Linz" verbirgt sich hingegen hinter dem Schleier der Anonymität.
Das Bekennerschreiben beginnt mit der Aussage, dass es dem Schreiber als einfachem Katholiken und Sünder nicht zustehe, "Aktionen unserer Bischöfe zu verhindern". Daran hat er sich nicht gehalten. Wer katholische Strukturen ein wenig kennt, weiß, dass im Dom, der Bischofskirche, niemand eine Kunstaktion wie "DonnaStage" veranstalten kann, ohne dass dies durch sämtliche Gremien der Diözese inklusive des Bischofs selbst gegangen ist. Es handelt sich mithin um einen bewussten Schritt gegen die Hierarchie der Linzer Diözese.
Es ist im Übrigen ein bekanntes Muster, dass konservative Kreise Gehorsam gegenüber den Autoritäten nur dann einfordern, wenn sich deren Vorgaben mit ihrer eigenen Meinung decken. Wo dies nicht der Fall ist, wechselt man aus der Rolle des Gehorsamen in die des Propheten oder eben des Helden, der Zeichenhandlungen verübt.
Innerkatholische Spannung
Die Frontstellung, die am Vandalismusakt im Linzer Dom sichtbar wird, ist nicht primär eine zwischen konservativem Katholizismus und liberaler säkularer Welt, sondern muss zunächst als eine innerkatholische gesehen werden. Sie spielt sich in einem Feld ab, das trotz schwindender Mitgliederzahlen nach wie vor durch eine große interne Diversität geprägt ist; nebst den Stimmen katholischer Traditionalist:innen und Extremist:innen zeichnet sich der Katholizismus in Österreich auch durch eine Vielzahl progressiver Stimmen aus.
Anders als beispielsweise das Punk-Gebet von Pussy Riot in der Christ-Erlöser-Kirche von Moskau 2012 war die Aufstellung der Statue Crowning im Linzer Dom ein von der Hierarchie der Diözese Linz mitgetragener Akt der Selbstreflexion. Solche Formen einer gewandelten Gedenkkultur verlangen religiösen Organisationen viel ab, sind aber kein Einzelfall. So gesehen ist beides, die Kunstinstallation wie ihre teilweise Zerstörung, Teil des Katholischen. Sie machen zunächst eine innerkatholische Spannung bewusst und zeigen das breite Spektrum, das religiöse Praxis umfassen kann. Das ist nicht neu; freilich stellt sich für eine religiöse Gemeinschaft dabei die Frage, zu welcher Seite sie tendiert.
Kunst, Religion, Protest
Die christliche Tradition hat sich in den ersten Jahrhunderten ihrer Formierung dazu durchgerungen, dass eine bildhafte Darstellung des Heiligen nicht per se dem Bilderverbot (dem Verbot der Repräsentation Gottes in einem Kultbild) widersprechen muss. Auch wenn Gott nicht darstellbar ist, kann es Darstellungen Jesu, des Geistes, der Trinität, der Gottesmutter geben. Damit betritt man freilich ein gefährliches Terrain: Die Darstellung des Heiligen wird affirmiert, bleibt aber immer an die Schwelle des Prekären, des Problematischen, des Verbotenen.
Welche Darstellungen sind unter welchen Umständen erlaubt? Diese Frage kommt in der christlichen Tradition nicht zur Ruhe und wird in unterschiedlichen Konfessionen anders gehandhabt (zum Beispiel steht die reformierte protestantische Tradition bildhaften Darstellungen wesentlich kritischer gegenüber als die katholische). Immer wieder hat man bestimmte Formen der Darstellung problematisiert, zum Beispiel die Darstellung der Trinität in der Gestalt von drei Männern. Immer wieder stellte sich die Frage, ob man durch Regelungen in den künstlerischen Schaffensprozess eingreifen kann. Kann man Künste, die eine auflösende Kraft jeder Form von Normativität haben, überhaupt dauerhaft einschränken? Immer wieder hat es überdies Formen des Bildersturms gegeben, die mitunter viel Zerstörung bewirkt haben.
Zeitgenössische Kunst steht heute – ähnlich wie Religion – weithin im Zeichen des Verlustes allgemeiner gesellschaftlicher Bedeutung. Zumeist interessiert zeitgenössische Kunst nur ein Fachpublikum, dem gelegentlich ein elitärer Zugang vorgeworfen wird. Breitenwirksam ist sie nicht, ohne staatliche Förderungen kommt sie nur schwer aus. Mit dem Vandalismus im Linzer Dom rückt nun, ohne dass es dafür staatlicher Förderungen oder einer ausgefeilten medialen Strategie bedürfte, ein zeitgenössisches, analoges Kunstwerk, das in einem Nebenraum eines Sakralbaus für nur etwa drei Wochen ausgestellt werden sollte, weit über die Grenzen Österreichs hinaus ins öffentliche Bewusstsein. Dass die gebärende Maria als Bild (und zwar unversehrt) zum Medienereignis geworden ist, ist dem anonymen Vandalen zuzuschreiben. Das Projekt "DonnaStage" lässt nun eine breite Resonanz erwarten. Für die in vielen Bereichen innovative Diözese Linz ist das, neben allen Problemen, die die unerwartete Medienöffentlichkeit mit sich bringt, auch eine Chance.
Der drastische Vandalismus und die Reaktionen darauf sind nicht zuletzt auch ein Beispiel für die Bedeutung von Emotionen im Kontext von Protesten und Mobilisierungsformen in der Gegenwartsgesellschaft. Das Gefühl der Verbundenheit spielt sowohl in der Ablehnung der Tat als auch bei den Befürwortern eine zentrale Rolle. Zusammen mit den beinahe endlosen Feedbackmöglichkeiten vernetzter Technologien entsteht hier für einen kurzen Moment eine Öffentlichkeit, in der dominante Narrative gestört und unterbrochen werden. Bereits ein kurzer Blick in die jüngere Vergangenheit zeigt, dass dies durchaus regelmäßig geschieht. So wurde im März 2024 eine Installation des Künstlers Gottfried Helnwein im Stephansdom aufgrund einer Petition von Citizen Go und zusätzlicher negativer Medienöffentlichkeit nicht wie geplant gezeigt. Und auch eine Inszenierung der Wiener Festwochen im Juni 2024 provozierte Kritik religiöser Exponent:innen.
Noch weitere Ereignisse lassen sich für die Betrachtung des Linzer Falls heranziehen: Als etwa in den 1980er-Jahren der österreichische Künstler Rudi Wach ein Kruzifix für die Innbrücke in Innsbruck schuf, kam es zu zahlreichen Protesten von Seiten christlicher Gläubiger, weil das Kunstwerk Christus ohne Lendenschurz nackt mit angedeuteten Genitalien darstellte. Es gab Drohungen, man werde das Kreuz, sofern es aufgestellt werde, in den Inn werfen. Das Kreuz wanderte schließlich ins Volkskundemuseum, wurde aber im Jahr 2007 – ohne größere Proteste – auf Betreiben von Bürgermeisterin Hilde Zach am vorgesehenen Platz aufgestellt. Wie bei Crowning entzündete sich der Widerstand an einer Darstellung des Intimbereiches, beim Kreuz auf der Innbrücke allerdings bei einer männlichen Figur. Kreuzigung und Geburt hängen beide mit den Rändern des Lebens (Ende und Anfang) zusammen und sind Momente großer Verletzlichkeit. Können Darstellungen an diesen Rändern in besonderer Weise Protest auslösen?
Anspruch auf Deutungshoheit
Nicht unbedingt muss man die Installation im Linzer Dom gut oder schön finden. Danach verlangt sie nicht. Sie drängt sich aber auch nicht auf: Man muss in den Nebenraum, in dem sie platziert ist, schon bewusst eintreten, um sie zu sehen. Man muss um sie herumgehen, um die Figur als gebärende Maria zu identifizieren. Zu jeder Zeit konnte man im Linzer Dom beten, ohne die Figur anblicken zu müssen. Niemals war sie als dauerhafter Bestandteil des Domes angekündigt. Nur für wenige Wochen suchte sie dort gastlich aufgenommen zu werden, aber schon die bloß temporäre Anwesenheit als Gast schien manchen unzumutbar.
Erstaunlich sind die Humorlosigkeit und der gänzlich fehlende Sinn für Ironie bei denen, die das gewaltsame Vorgehen gegen die Figur gutheißen. Hätte es nicht tausende Möglichkeiten gegeben, die Darstellung, die man ablehnt, zu ironisieren? Spannend wird sein, ob es den Anhänger:innen des "Helden von Linz" gelingen wird, Menschen auf ihre Seite zu ziehen, die von zeitgenössischen Kunstinstallationen nicht viel halten und Crowning nicht befürworten, aber selbst niemals einen Akt der Zerstörung verübt hätten. Wird es ihnen gelingen, diese Menschen in den Kulturkampf hineinzuziehen, den sie entfachen wollen?
Vor dem Hintergrund patriarchaler Strukturen und der nach wie vor weit verbreiteten Gewalt gegen Frauen in Österreich, ist der an der Linzer Skulptur verübte Vandalismus ein drastischer Versuch, Deutungshoheit über Weiblichkeit im religiösen Kontext zu erlangen. Hieran wird klar: Es gibt gewisse Gesten – etwa die Enthauptung –, die nicht noch einmal Mittel für ein anderes, höheres Ziel sein können, das sie rechtfertigen würde.
Jakob Helmut Deibl, Katharina Limacher, 15.7.2024


