July 29th, 2024
Erhard Stackl
Helnwein's Start zur Weltkarriere
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Meine Version der Story - sine ira et studio
...Später schrieb Bronner über diese Phase: „Wenn ich heute diese Herausgeber-Briefe lese, so überfällt mich Nostalgie. Über den Talenteschuppen profil und darüber, dass wir uns, obwohl es uns selbst nicht ganz leichtgefallen ist, mit Künstlern wie Helnwein oder Deix eingelassen haben. Ihre Power und ihre Aufbruchstimmung rund ums profil haben einige Grenzen in diesem Land gesprengt."







HELNWEINS START ZUR WELTKARRIERE
Meine Version der Story - sine ira et studio.

Ende 1972 saß ich in der profil-Redaktion nahe vom Art Director Bernhard Paul, später Gründer des Circus Roncalli. Eines Tages erzählte er mir, dass ein Freund aus der „Graphischen" in Schwierigkeiten sei. Dieser, nun an der Meisterklasse von Rudolf Hausner an der Kunstakademie studierende Maler habe die Chance bekommen, einige seiner Werke im Foyer des Wiener Pressehauses auszustellen.

Journalisten der „Kronen-Zeitung” hätten mit Empörung reagiert, weil sie auf dem Weg zum Mittagessen nicht mit Helnweins schockierenden Darstellungen gequälter Kinder konfrontiert werden wollten.
Der Künstler wurde aufgefordert, seine Werke sofort zu entfernen. Ich fuhr in die Muthgasse im 19. Bezirk und traf Helnwein, damals wie ich 24 und langhaarig, der vor dem Pressehaus die Bilder in den Kofferraum seines Autos lud.

Er erzählte mir kurz seine Geschichte; wir vereinbarten einen weiteren Gesprächstermin und er gab mir einen Satz großer Diapositive seiner Arbeiten mit.

Zurück in der Redaktion machte ich damit Furore. In einer Zeit, in der Kindesmisshandlung ein verdrängtes Tabu war und Nobelpreisträger Konrad Lorenz im Radio dennoch für die „gesunde Watschen" eintrat, trafen diese Bilder einen Nerv. Meine Chefs Oscar Bronner und Peter Michael Lingens, sonst nicht immer einer Meinung, waren spontan dafür, Helnwein Aufträge für profil- Illustrationen zu geben.

Ich schrieb zunächst eine Geschichte für den profil- Kulturteil, dann kam der erste Cover-Auftrag an den Künstler. Die Redaktionskollegin Ursula Pasterk, später als Wiener Kulturstadträtin erfolgreich, und ich arbeiteten an einer Titelstory zum Selbstmord, auch von Jugendlichen, die im Jänner 1973 erschien. Auf dem Cover: Ein von Helnwein akkurat gemaltes Mädchen, das sich die Pulsadern aufschlitzt.

„Wir haben im Laufe der Zeit die wildesten Skandale dieses Landes penibel beschrieben, keiner 'dieser Berichte löste auch nur annähernd so eine Reaktion aus," schrieb Bronner in einem Herausgeberbrief. Es habe sich gezeigt, dass ein Bild, das „im Unterbewussten Schlummerndes" anspricht, stärker provozieren könne als ein Tatsachenbericht. Bronners Text erschien im Juni 1973 anlässlich einer weiteren Cover-Story von mir, die den Titel „Lässt sich Intelligenz manipulieren" trug und die ebenfalls von Helnwein provokant illustriert worden war.

Ungefähr zu dieser Zeit begann profil auch die Zusammenarbeit mit dem Karikaturisten Manfred Deix, einem weiteren Freund von Bernhard Paul. Später schrieb Bronner über diese Phase: „Wenn ich heute diese Herausgeber-Briefe lese, so überfällt mich Nostalgie. Über den Talenteschuppen profil und darüber, dass wir uns, obwohl es uns selbst nicht ganz leichtgefallen ist, mit Künstlern wie Helnwein oder Deix eingelassen haben. Ihre Power und ihre Aufbruchstimmung rund ums profil haben einige Grenzen in diesem Land gesprengt."

Bald schmückten sich internationale Magazine mit Cover-Illustrationen von Helnwein-vom deutschen „Spiegel" bis zu „Time" in den USA, damals eine Publikation von Weltgeltung.
Parallel begann Helnweins internationale Karriere als Kunstmaler...


2024 Erhard Stackl.










Erhard Stackl
Arbeitete als Journalist ab 1970 für das Wirtschaftsmagazin Trend und war im Gründungsteam des von Oscar Bronner herausgegebenen Nachrichtenmagazins Profil. Im Profil arbeitete er im Bereich Kultur und Wirtschaft, ab 1979 im Auslandsressort, dessen Leiter er wurde. Er blieb bis 1991 beim Profil, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur, und wechselte dann zur Tageszeitung Der Standard, wo er zunächst Ressortleiter Ausland und dann Chef vom Dienst war. Seit 2010 ist Stackl freiberuflicher Journalist und Buchautor. Beiträge von ihm brachten unter anderen The New York Times (International Weekly), El País, Die Zeit, Radio Ö1, das Südwind-Magazin und Das Jüdische Echo (das er seit Ende 2013 redaktionell leitet)