Erhard Stackl
HELNWEINS START ZUR WELTKARRIERE
Ende 1972 saß ich in der profil-Redaktion nahe vom Art Director Bernhard Paul, später Gründer des Circus Roncalli. Eines Tages erzählte er mir, dass ein Freund aus der „Graphischen" in Schwierigkeiten sei. Dieser, nun an der Meisterklasse von Rudolf Hausner an der Kunstakademie studierende Maler habe die Chance bekommen, einige seiner Werke im Foyer des Wiener Pressehauses auszustellen.
Journalisten der „Kronen-Zeitung” hätten mit Empörung reagiert, weil sie auf dem Weg zum Mittagessen nicht mit Helnweins schockierenden Darstellungen gequälter Kinder konfrontiert werden wollten.
Der Künstler wurde aufgefordert, seine Werke sofort zu entfernen. Ich fuhr in die Muthgasse im 19. Bezirk und traf Helnwein, damals wie ich 24 und langhaarig, der vor dem Pressehaus die Bilder in den Kofferraum seines Autos lud.
Er erzählte mir kurz seine Geschichte; wir vereinbarten einen weiteren Gesprächstermin und er gab mir einen Satz großer Diapositive seiner Arbeiten mit.
Zurück in der Redaktion machte ich damit Furore. In einer Zeit, in der Kindesmisshandlung ein verdrängtes Tabu war und Nobelpreisträger Konrad Lorenz im Radio dennoch für die „gesunde Watschen" eintrat, trafen diese Bilder einen Nerv. Meine Chefs Oscar Bronner und Peter Michael Lingens, sonst nicht immer einer Meinung, waren spontan dafür, Helnwein Aufträge für profil- Illustrationen zu geben.
Ich schrieb zunächst eine Geschichte für den profil- Kulturteil, dann kam der erste Cover-Auftrag an den Künstler. Die Redaktionskollegin Ursula Pasterk, später als Wiener Kulturstadträtin erfolgreich, und ich arbeiteten an einer Titelstory zum Selbstmord, auch von Jugendlichen, die im Jänner 1973 erschien. Auf dem Cover: Ein von Helnwein akkurat gemaltes Mädchen, das sich die Pulsadern aufschlitzt.
„Wir haben im Laufe der Zeit die wildesten Skandale dieses Landes penibel beschrieben, keiner 'dieser Berichte löste auch nur annähernd so eine Reaktion aus," schrieb Bronner in einem Herausgeberbrief. Es habe sich gezeigt, dass ein Bild, das „im Unterbewussten Schlummerndes" anspricht, stärker provozieren könne als ein Tatsachenbericht. Bronners Text erschien im Juni 1973 anlässlich einer weiteren Cover-Story von mir, die den Titel „Lässt sich Intelligenz manipulieren" trug und die ebenfalls von Helnwein provokant illustriert worden war.
Ungefähr zu dieser Zeit begann profil auch die Zusammenarbeit mit dem Karikaturisten Manfred Deix, einem weiteren Freund von Bernhard Paul. Später schrieb Bronner über diese Phase: „Wenn ich heute diese Herausgeber-Briefe lese, so überfällt mich Nostalgie. Über den Talenteschuppen profil und darüber, dass wir uns, obwohl es uns selbst nicht ganz leichtgefallen ist, mit Künstlern wie Helnwein oder Deix eingelassen haben. Ihre Power und ihre Aufbruchstimmung rund ums profil haben einige Grenzen in diesem Land gesprengt."
Bald schmückten sich internationale Magazine mit Cover-Illustrationen von Helnwein-vom deutschen „Spiegel" bis zu „Time" in den USA, damals eine Publikation von Weltgeltung.
Parallel begann Helnweins internationale Karriere als Kunstmaler...
Erhard Stackl
Oscar Bronner
GRENZEN IN DIESEM LAND GESPRENGTprofil, Wien.
31. Mai 1999
"Wir haben im Laufe der Zeit die wildesten Skandale dieses Landes penibel beschrieben, keiner dieser Berichte löst auch nur annähernd so eine Reaktion aus. Es ist interessant zu registrieren, dass ein Bilder stärker provoziert als ein Text, dass Fiktion heftigere Reaktionen auslöst als ein Tatsachenbericht.
Der Grund dafür dürfte darin liegen, dass die Fantasie stärker angeregt und im Unterbewusstsein Schlummerndes angesprochen wird. Hier liegt noch ein weites Betätigungsfeld für Kummunikations-Theoretiker."
Wenn ich heute diese Herausgeber-Briefe lese, so überfällt mich Nostalgie. Über den Talenteschuppen profil und darüber, dass wir uns, obwohl es uns selbst nicht ganz leichtgefallen ist, mit Künstlern wie Helnwein oder Manfred Deix eingelassen haben. Ihre Power und die Aufbruchsstimmung rund ums profil haben einige Grenzen in diesem Land gesprengt."
Peter Michael Lingens Der unbarmherzige Verletzte: Ein Nachruf auf Manfred DeixJune 27, 2016
Unter den ziemlich vielen, extrem begabten, extrem schwierigen Mitarbeitern des frühen profil – Reinhard Tramontana, Siegrid Löffler, Bernhard Paul, Gottfried Helnwein, Manfred Deix – war er unter den zweifellos genialsten: Nachdem sie ihre zweiten Blätter bei uns abgeliefert hatten, prophezeite ich Deix wie Helnwein Weltgeltung, und Deix hat sie mit seinen Karikaturen wie Helnwein mit seinen Porträts zweifellos errungen.
Helnwein, der damals vor allem versehrte, verängstigte Kinder und blutrünstige Machos, denen Klemmen das Gesicht verzerrten, zu Papier brachte, so dass man sich in seinem Atelier wie auf einer psychiatrischen Station fühlte, war der einzige im Umgang überhaupt nicht schwierige, absolut zuverlässige, bestens organisierte in diesem genialen Trio: Wenn man mit ihm noch so kurzfristig eine noch so aufwendige Illustration für ein Titelbild ausmachte, hatte man sie pünktlich auf dem Tisch.


Erhard Stackl
(* 18. November 1948 in Mödling bei Wien), arbeitete als Journalist ab 1970 für das Wirtschaftsmagazin Trend und war im Gründungsteam des von Oscar Bronner herausgegebenen Nachrichtenmagazins Profil. Im Profil arbeitete er im Bereich Kultur und Wirtschaft, ab 1979 im Auslandsressort, dessen Leiter er wurde. Er blieb bis 1991 beim Profil, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur, und wechselte dann zur Tageszeitung Der Standard, wo er zunächst Ressortleiter Ausland und dann Chef vom Dienst war. Seit 2010 ist Stackl freiberuflicher Journalist und Buchautor. Beiträge von ihm brachten unter anderen The New York Times (International Weekly), El País, Die Zeit, Radio Ö1, das Südwind-Magazin und Das Jüdische Echo (das er seit Ende 2013 redaktionell leitet)
Oscar Bronner
(* 14. Jänner 1943 in Haifa), Palästina) ist ein österreichischer Journalist und Künstler. Er ist Gründer der Nachrichtenmagazine trend und profil sowie Herausgeber der ebenfalls von ihm gegründeten Tageszeitung Der Standard.
Oscar Bronner wurde 1943 in Haifa als erster Sohn des späteren Kabarettisten Gerhard Bronner geboren.
1970 gründete Bronner das Wirtschaftsmagazin trend und das Nachrichtenmagazin profil.
Der Verleger verkaufte 1974 beide Magazine und übersiedelte nach New York, wo er als Maler lebte (mehrere Ausstellungen in den Vereinigten Staaten und Europa).
1986 kehrte er nach Wien zurück und gründete 1988 die auf lachsrosa Papier gedruckte Tageszeitung Der Standard, deren Verleger und Herausgeber er ist; bis 2007 war er auch ihr Chefredakteur.
Peter Michael Lingens(* 8. August 1939 in Wien), als Sohn von Ella und Kurt Lingens, zwei Widerstandskämpfern gegen das NS-Regime.
Peter Michael Lingens arbeitete als Redakteur bei der Arbeiter-Zeitung. Nach einem Zwischenspiel in einem Institut für Markt- und Motivforschung in München wurde er Gerichtssaalberichterstatter des Kurier. Von Oscar Bronner als Chefredakteur zum neu gegründeten profil bestellt, wurde er nach dessen Ausscheiden bis 1987 Herausgeber des Nachrichtenmagazins.
1990 übernahm Lingens die Herausgeberschaft und Chefredaktion der österreichischen Ausgabe der deutschen Wirtschaftswoche. Danach wechselte er 1993 in die Chefredaktion des Standard, aus der er 1994 wieder ausschied, aber weiterhin Kommentare für die Zeitung verfasste.