arte magazin: Herr Helnwein, erinnern Sie sich an den Moment, in dem Ihnen klar wurde: Ich muss Künstler werden?
Gottfried Helnwein: Ja, das weiß ich ganz genau. Ich war gerade 18 Jahre alt, als ich plötzlich wusste: 'Ich habe keinen anderen Ausweg, als Künstler zu werden'. In meinen Tagträumen als Schüler habe ich mich immer als Revolutionär gesehen, aber dann habe ich erkannt, dass es in unserer Gesellschaft keinen Platz gab, der für mich akzeptabel gewesen wäre. Ich wollte nirgends mitspielen. Und da blieb nur eine Möglichkeit, die mir Unabhängigkeit versprach: Künstler zu werden. Das war insofern ein bewusster Beschluss.
arte magazin: Was zeichnet Ihre Inszenierung von „Der Rosenkavalier“ aus?
Gottfried Helnwein: Ich habe jedem Akt eine eigene monochromen Farbpalette gegeben: Der erste ist ganz in Blautönen gehalten, der zweite in Gelb- und Goldnuancen, der dritte in Rottönen. Baron Ochs als Hauptfigur tritt jeweils in der entsprechenden Komplimentärfarbe auf, wodurch jeder seiner Auftritte einen visuellen Schock erzeugt. Das Rokoko war eine durchinszenierte Theaterkultur und genau das habe ich aufgegriffen und versucht mit zeitgenössischen ästhetischen Mitteln darzustellen.
arte magazin: Ihre Werke kreisen um die Themen Schmerz und Gewalt – auch auf der Opernbühne. Warum?
Gottfried Helnwein: Weil Schmerz und Gewalt Teil der menschlichen Existenz sind, und das habe ich in meiner Arbeit immer thematisiert.
Leider hat die Wirklichkeit meine Bilder längst überholt. Gewalt gegen Kinder, und Frauen haben ein Ausmass angenommen, über das wir jede Kontrolle verloren haben. In meiner Arbeit stelle ich mich radikal auf die Seite der Opfer und zwinge die Menschen, anzuschauen, was sie anrichten. Auch im „Rosenkavalier“: Im dritten Akt zerfallen die Mädchenporträts auf der Bühne in Totenköpfe. Im Rausch liegt immer auch der Schatten der Vergänglichkeit.