
Die Geschichte dieser Produktion begann in Los Angeles: Die Regisseurin Lydia Steier hatte dort vor Jahren eine Ausstattung von Gottfried Helnwein gesehen und seither davon geträumt, in dieser einmal selbst inszenieren zu können (auch Träume sind ein wiederkehrendes Thema im Stück). Nun war es also so weit.
• Zum Saisonauftakt unter der neuen Intendanz von Matthias Schulz inszeniert das Opernhaus Strauss’ «Rosenkavalier».
• Die aufwendige Farbdramaturgie in Blau, Gelb und Rot überzeugt.
• Die opulente Inszenierung von Lydia Steier zeigt Baron Ochs als liederlichen Lüstling.
• Dirigentin Joana Mallwitz führt das Orchester souverän durch die komplexe Partitur.
Für seinen Einstand als Chef des Opernhauses Zürich war Matthias Schulz gerade das Beste gut genug. Das beginnt beim Werk: «Der Rosenkavalier» von Richard Strauss (Musik) und Hugo von Hofmannsthal (Text), uraufgeführt 1911 in Dresden, ist vielleicht die Oper schlechthin. Sie vereinigt wie sonst keine den gesamten Kosmos menschlicher Empfindungen; Liebe und Treue, Nostalgie und Vergänglichkeit. Aber in der Person des Barons Ochs auf Lerchenau auch Geilheit, Geiz und Gier.
«Der Rosenkavalier» ist zudem ein Kaleidoskop sozialer Schichten und Epochen. In Text und Musik werden in höchster Meisterschaft Stile zusammen- und durcheinandergebracht, dass einem sprichwörtlich Hören und Sehen vergeht (auch diese Redewendung kommt, wie so viele andere, im Libretto vor).
Trotz ihrer Beliebtheit auf den Spielplänen gibt es Leute, die um diese Oper angesichts ihrer Länge einen Bogen machen. Umso bedeutsamer ist, dass das Opernhaus nach Jahren wieder einmal eine Fast-Live-Übertragung bewirken konnte, auf SRF und Arte. Was in Österreich Usus ist, ist bei uns noch viel zu selten: Die Oper wird ins Land getragen und so zum Kulturgut und zum Gesprächsstoff für alle. Aus Stoff ist auch das grosse Bild an der Opernfassade mit einem küssenden Paar in hellem Blauviolett, den neuen Farben des Hauses.
Und Farben sind das zentrale Stilmittel dieser Produktion: Der erste Akt in Blau, der zweite in Gelb und der dritte in Rot. Immer konsequent monochrom, aber mit markanten Brechungen. So tut es dem Auge fast weh, wenn im ersten Akt der Trampel Ochs in grellem Gelb mit riesigem Hut in das blaue Idyll einbricht. Das Palais des Herrn von Faninal (subtil-servil: Bo Skovhus) ist gelb – also kommt Ochs in Rot daher, der Kontrast bleibt. Dieses Rot behält er im dritten Akt, soweit er die Kleider anbehält – und ist damit in seiner Welt zurück, einer schäbigen Spelunke.
Irritieren mag, dass nun auch der Titelheld Octavian in Rot erscheint. Aber hat nicht Hofmannsthal selbst gesagt, dieser sei ja auch nichts anderes als ein junger Ochs? «Wie alle Männer sind…», singt denn auch die Marschallin. Es ist ein Stück fürs Leben – und übers Leben.
Der Ochs muss in dieser Inszenierung ordentlich einstecken
Die Geschichte dieser Produktion begann in Los Angeles: Die Regisseurin Lydia Steier hatte dort vor Jahren eine Ausstattung von Gottfried Helnwein gesehen und seither davon geträumt, in dieser einmal selbst inszenieren zu können (auch Träume sind ein wiederkehrendes Thema im Stück). Nun war es also so weit.
Steier mag Sophie, und den Baron mag sie gar nicht. Erstere, meist als dummes Ding dargestellt, gewinnt bei Lydia Steier Kontur bis zur entschlossenen, frechen Göre (Emily Pogorelc ist stimmsicher, mit einigen leicht eingetrübten Höhen). Den Ochs hingegen, gerne als jovialer Landjunker verharmlost, stellt sie als liederlichen Lüstling ohne die geringste Empathie für irgendwen ausser sich selbst bloss.
Günter Groissböck (der hier vor gut zwanzig Jahren noch den Polizeikommissar gesungen hatte) bewältigt die riesige Partie souverän und macht alles mit, was die Regie ihm abverlangt. Bis dahin, dass ihm Octavian/Mariandl auf den Bauch steht, und sogar bis zur Auspeitschung im dritten Akt. Diese Sadomasoszene wirkt, wie schon in Steiers Luzerner «Rosenkavalier», eher aufgesetzt, zeigt aber die abgrundtiefe Abneigung der Regisseurin für diese Figur.
So drastisch geht es sonst nicht zu, aber zuweilen ist schon mächtig viel los. Das ist aber leider nicht unbedingt zum Vorteil des Werks. Lydia Steier und die Dirigentin Joana Mallwitz betonten im Vorfeld wiederholt, wie reich an musikalischen und textlichen Finessen der «Rosenkavalier» sei. Das ist wahr und wirft die Frage auf, warum es denn noch dieser grellen Illustration bedarf. Üppige Kostüme, Hüte und Zusatzfiguren, die eine ganz eigene Geschichte erzählen könnten, und so viel Bühnenspektakel, dass es zu einer Überreizung führen muss.
Üppigkeit hat in der Oper gut Platz, doch hier kapert sie das Werk. Aber wer Gottfried Helnwein einlädt, erhält auch Helnwein. Er bietet freilich auch ganz starke und eindringliche Bilder, wie im berühmten Zeitmonolog der Marschallin. Solche Momente, überhaupt die unaufgeregten, ruhig dahinfliessenden, sind denn auch die stärksten dieser Produktion.
Der «Rosenkavalier» braucht ein riesiges Orchester
Einer Produktion, für die auch musikalisch nur das Beste aufgeboten wurde, mit entsprechenden Ergebnissen. Neben Sophie und Ochs sind die beiden anderen Hauptpartien der Rosenkavalier selbst, also Octavian, und die Marschallin. In diesen beiden Figuren kommt auch die Strauss-Hofmannsthal’sche Reverenz an Mozarts Figaro klar zutage. Wie Cherubino ist Octavian eine Hosenrolle, wird also von einer Frau gesungen.
Angela Brower ist fast mehr Sopran als Mezzosopran und betört mit sinnlichem Timbre und agilem Spiel gleichermassen. Diana Damrau, erst kürzlich in diese Rolle eingestiegen, verkörpert geradezu magistral den Edelmut, die Zerrissenheit, aber auch die Grandezza der Marschallin. In dieser Figur sähen wir uns alle gerne, auch wenn – oder weil – wir wohl näher beim Ochs sind.
Strauss’ Partitur gilt als eine der komplexesten überhaupt und benötigt ein riesiges Orchester. Sie hat alle, wirklich alle Farben und Feinheiten, die man sich denken kann. Am Pult steht die deutsche Dirigentin Joana Mallwitz, auch dieses Engagement ein Coup. Fest zupacken kann sie genauso wie fein austarieren, sie kann orchestrale Stürme entfesseln und die Wogen auch wieder glätten. In alledem folgt ihr das hellwache Orchester der Oper Zürich, vom mächtigen Tutti bis in die Feinheiten eines Piccolo-Solos, vier lange, aber sehr kurzweilige Stunden lang.
Der Jubel am Schluss ist gross und einhellig. Wenn dies die Messlatte für die neue Intendanz sein soll, darf man sich auf weitere grosse Abende gefasst machen. Gerne aber auch wieder etwas schlichter: So viel Opulenz in der Oper wäre auf Dauer wohl schwer zu verdauen.
Aufführungen bis 26. Oktober im Opernhaus Zürich.
