October 17th, 2025
Der Standard
Letzter Sabbat im Stadttempel bis September 2026 und ein Künstler, der spendet
Colette M. Schmidt
Pünktlich zum jüdischen Neujahr soll die umfassende Renovierung in der Wiener Seitenstettengasse abgeschlossen sein, ein Kunstwerk von Gottfried Helnwein wird versteigert
Helnwein lobte den Stadttempel mit seinem besonderen Himmel als Sinnbild für die Unendlichkeit und nannte Wien den besten Platz für Juden in der Diaspora. Seit Jahrzehnten waren Kinder ein Thema seiner Kunst. So auch, als er am 9. November 1988 zur Erinnerung an die Novemberpogrome von 1938 eine hundert Meter lange Installation mit Kinderporträts in Berlin schuff.



Den Medienleuten wurde zuvor zehn Porträts präsentiert, die Helnwein von Kindern aus der jüdischen Gemeinde angefertigt hatte. Nach Wunsch von Kindern und Eltern waren manche der Mädchen und Buben nur von hinten oder mit geschlossenen Augen abgelichtet worden.
200-Jahr-Jubiläum
Der Termin am Freitag war, so erklärte der Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde, Benjamin Nägele, für ihn mit Wehmut behaftet, da es der letzte für zehn Monate im Biedermeier-Tempel war. Auch der letzte Sabbat-Gottesdienst wurde am Freitag für längere Zeit gefeiert. Die Synagoge wurde vor genau 200 Jahren vom Architekten Joseph Kornhäusel erbaut und ist die einzige Österreichs, die die NS-Zeit überstanden hat.
Am 10. September 2026 wollen die Archtikt:innen Natalie Neubauer und Eric Tschaikner mit der umfassenden Restaurierung fertig sein. Pünktlich zu Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahr, soll dann die Gemeinde das Gebäude wieder nutzen können. Man müsse sich beeilen, in dieser knappen Zeitspanne zwischen den hohen Feiertagen 2025 und 2026 fertig zu werden, so Neubauer. Es ist die erste Renovierung seit 36 Jahren, wie der STANDARD berichtete.
"Der Stadttempel ist ein Wahrzeichen Wiens, der jüdischen Gemeinde und der ganzen Republik", sagte Nägele. Die Kosten für die Restaurierung von insgesamt 10,5 Millionen Euro werden zu einem Drittel vom Bund, zu einem Drittel von der Stadt Wien finanziert. Ein Drittel wird durch Spenden möglich gemacht. Die Arbeiten begannen noch am Freitag.
Unendlicher Himmel
Helnwein lobte den Stadttempel mit seinem besonderen Himmel als Sinnbild für die Unendlichkeit und nannte Wien den besten Platz für Juden in der Diaspora. Seit Jahrzehnten waren Kinder ein Thema seiner Kunst. So auch, als er am 9. November 1988 zur Erinnerung an die Novemberpogrome von 1938 eine hundert Meter lange Installation mit Kinderporträts in Berlin schuff.
Ein Kind aus den zehn aktuellen Porträts wird Helnwein nun malen. Und da kommt wieder das Paneel ins Spiel. Denn das fertige Gemälde wird auf diesem Paneel aufgespannt und soll dann bei einer internationalen Auktion versteigert werden. Der Reinerlös des Kunstwerks, das dann gewissermaßen auch ein Stück des Wiener Stadttempels beinhaltet, wird Helnwein für die Restaurierung spenden.

Während die Synagoge, das Foyer und das Vestibül umgebaut werden, wird das benachbarte Gemeindezentrum als Gebetsraum genutzt. Erst danach werden in einer zweiten Phase das Gemeindezentrum und die Fassade saniert. Geplant sind unter anderem ein Infopoint für Besucher und Besucherinnen, die Schaffung zusätzlicher barrierefreier Plätze und WCs und die Erweiterung der Gebetskanzel. Im Jahr 2023 besuchten mehr als 12.000 Personen im Rahmen von Führungen den Stadttempel. (Colette M. Schmidt, 17.10.2025)