September 23rd, 2025
NZZ
Neustart am Opernhaus Zürich - zwischen Aufbruch und Traditionspflege
Christian Wildhagen
Helnweins Ausstattung stammt ursprünglich aus einer lnszenierung von 2005 in Los Angeles, bei der Maximilian Schell Regie führte. Steier sah sie 2007, verguckte sich nach eigener Aussage in die Ästhetik und beschloss, Helnweins Bilder eines Tages von Schells anscheinend recht starrem Arrangement zu befreien.


Die Konstellation des Produktionsteams für den Zürcher «Rosenkavalier» ist unkonventionell. Mit der Dirigentin Joana Mallwitz, die immer wieder für die Nachfolge von Riccardo Chailly beim Lucerne Festival Orchestra ins Gespräch gebracht wird, und der gefeierten Regisseurin Lydia Steier liegen sowohl die musikalische wie die szenische Leitung in Frauenhand. Mindestens ebenso interessant ist indes der Dritte im Bunde, der österreichisch-irische Künstler Gottfried Helnwein, dessen Bühnenbilder und Kostüme die Optik der Produktion wesentlich bestimmen.
Helnweins Ausstattung stammt ursprünglich aus einer lnszenierung von 2005 in Los Angeles, bei der Maximilian Schell Regie führte. Steier sah sie 2007, verguckte sich nach eigener Aussage in die Ästhetik und beschloss, Helnweins Bilder eines Tages von Schells anscheinend recht starrem Arrangement zu befreien. Das Verfahren hat ein bekanntes Vorbild: 2017 re-inszenierte Vera Nemirova in Salzburg Wagners «Walküre» im historischen Bühnenbild von Gunther Schneider-Siemssen, dem bevorzugten Ausstatter Karajans. Nemirova scheiterte bei dem Versuch, dessen Imaginationen von ihrer monumentalen Statik zu befreien. Lydia Steier gelingt es deutlich besser, Helnweins ästhetisches Konzept auch szenisch zu beleben.
Die stärksten Momente entstehen dann, wenn Steier die in wenigen Grundfarben gehaltenen Kostüme nicht bloss ausstellt wie im überladenen Lever des ersten Aufzugs, sondern die perfekte Oberflache der Bilder durch eigene Zutaten aufbricht. So erblickt die Marschallin mitten im Getümmel plötzlich sich selbst als alte Frau, freilich im Kleid eines Mädchens: ein magischer Moment, der unmittelbar ihre grosse Reflexion über Zeit und Vergänglichkeit initiiert - der philosophische Höhepunkt des Stucks. Auch Diana Damrau, die in der Rolle zuvor eher leichtgewichtig wirkt, dringt hier stimmlich in tiefere Dimensionen vor.

Fragwürdiger Schurzenjäger

Steier hinterfragt zudem den robusten Humor der Komödienhandlung um den Baron Ochs, indem sie aufzeigt, wie schmal der Grat ist zwischen dem derben Schurzenjagertum dieses Möchtegern-Don-Juans und einem unverhohlen übergriffigen Sexismus. Im dritten Akt erinnern überlebensgroße Frauenporträts an die namenlosen Opfer, die solche Weinstein- Typen ausserhalb lustiger
Opernhandlungen auf dem Gewissen haben können. Gunther Groissböck unterstreicht die Abgründe der Opernfigur, indem er den Ochs, wie schon bei seinem Überragenden Debut in Salzburg 2014, in seiner ganzen virilen Selbstbezogenheit und Überheblichkeit vorführt.
Musikalisch profitiert der Abend von der Detailarbeit von Joana Mallwitz, die nach kurzem übersteuern zu Beginn erfreulich gut mit der Akustik des Opernhauses zurechtkommt. Während sie mit Groissböck auf ein virtuos zugespitztes Parlando in den Ochs-Szenen abzielt, gibt sie den Frauenstimmen mehr Raum zur Entfaltung.
Sie konnte die Stimmen sogar noch mehr tragen, wenn sie gelegentlich weniger aufs Tempo drückte.
Angela Brower in der Hosenrolle des Octavian und Emily Pogorelc bei ihrem beachtlichen Haus- und Rollendebüt als Sophie nutzen das Fundament für weit ausschwingende Kantilenen - die Zaübermomente jeder «Rosenkavalier»­ Aufführung. Pogorelc gelingt dabei auch noch das Kunststück, die Emanzipation ihrer Rolle vom willenlosen Heiratsobjekt zur selbstbewussten jungen Frau aufzuzeigen. Sänger und Dirigentin werden denn auch am Ende gefeiert.