January 13th, 2026
032c
Systemsprenger
Sven Michaelsen
In 1972, violent protests brought Gottfried Helnwein’s first exhibition to premature end. His Depictions of bandaged and wounded children struck a nerve in postwar Vienna, and his later work earned him the title “Master of the Scandalous” from the Guardian. Over 50 years later, Helnwein lives in a castle in Ireland.






Herr Helnwein, was wollten Sie werden, als Sie 14, 15 Jahre alt waren?

Ich saß in der Schule immer da und kam mir so fremd und isoliert vor, so völlig ohne Bezug zu dem ganzen Geschehen. In meinen Tragträumen war ich dann ein Revolutionsführer, und ich habe ausgemalt, wie ich eine Aufstand im ganzen Land starten würde, wie die Schule brennen würde, und wie ich das ganze korrupte System zum Einsturz bringen würde.
Ich bin kurz nach dem Kriegsende in Wien in geboren, und der Schatten des tausendjährigen Reiches hing noch über dieser grauen Stadt. Die Menschen befanden sich noch in einer Art Schockzustand. Die Generation meiner Eltern war das traurige Ergebnis jahrhundertelanger Indoktrinierung und Konditionierung, die in der Nazi-Zeit ihren endgültigen Tiefpunkt erreicht hatten. Und in der Welt, die sie uns hinterlassen hatten, war ein Trümmerhaufen in dem alles klein, eng und verboten war.
Ich habe diese Welt gehasst und sehnte mich nach Umsturz, Ekstase und Anarchie. Die Schule empfand ich als Straflager, das von stupiden Autoritäten geleitet wurde. Aus Protest habe ich mir mit Rasierklingen Hände und Gesicht aufgeschnitten. Wenn ich blutüberströmt war, stand alles still. Es war plötzlich ein freier Raum um mich herum. Ich empfand das als Befreiungsschlag, eine Demonstration der Selbstbestimmung, auch über meinen Körper.
Was ich damals natürlich nicht wusste, dass etwa zur gleichen Zeit einige Künstler in Wien in isolierten Aktionen auch durch Selbstverletzung den eigenen Körper als Material einsetzten und das begann was man heute als Wiener Aktionismus bezeichnet.


Ihre Mutter lag tagsüber meistens auf dem Bett und las Jerry-Cotton-Hefte, Ihr Vater arbeitete bei der Wiener Post und war strenger Katholik.

Ich habe den Grossteil meiner Kindheit in kalten Kirchenschiffen verbracht und die Bilder meiner Kindheit waren bluttriefende, verzückt gen Himmel blickende Märtyrer, heilige Wundmale, das Blut Christi im Kelch und das blutende, von Schwertern durchbohrte Herz Marias von den 7 Schmerzen. Und wir sangen: „Jesus, drücke Deine Schmerzen tief in aller Christen Herzen..“


Ihr Erlöser war der Disney-Zeichner Carl Barks. Die Begegnung mit seinen Figuren beschreiben Sie als »Epiphanie« und »Eintritt in ein neues Universum«.

Wien war nach dem Zweiten Weltkrieg ein dunkler Ort ohne Farben und Töne. Ich erinnere mich an leere Straßen und Ruinen ausgebombter Häuser. Der Geruch des Todes hing immer noch in der Luft.
Gottseidank hatten einige PR-Offiziere der amerikanischen Besatzungstruppen die Idee, uns Nazi-Kindern amerikanische Kultur vermitteln, und zwar durch Disney-Comics.
Als ich mein erstes Micky Maus Heft öffnete und das erste Mal Entenhausener Boden betrat, wusste ich, dass ich der Vorhölle der wiener Nachkriegszeit entronnen war. Ich nahm zum ersten mal Farben wahr, und das Leben bekam einen Sinn. Und hier traf ich auch jenen Mann, der mein Leben von Grund auf verändern sollte: Donald Duck, von dem ich mehr gelernt habe, als in allen Schulen, in denen ich war.


Der italienische Futurist Filippo Tommaso Marinetti meinte, ein Rennwagen sei schöner als die Nike von Samothrake. Sie meinen, Donald Duck sei bedeutsamer als die Mona Lisa.

Obwohl Donald gar nicht aussieht wie ein Mensch, sondern eher wie eine Ente, verkörpert er das Menschliche doch mehr als alle Werke der bildenden Kunst vor ihm.
Es ist erstaunlich, dass dieser kleine, künstliche Erpel ein so viel besserer Spiegel der menschlichen Seele ist. An ihm erkennen wir unsere Ängste, Unsicherheiten und Schwächen, unsere Dummheiten und Eitelkeiten. Aber auch jene Starrköpfigkeit, mit der wir nach jeder Niederlage, nach jedem Scheitern wieder aufstehen und neu beginnen.


Mit 16 brachen Sie das Gymnasium ab und besuchten Sie die ‘Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt’ eine Schule für Grafik und Design. Nach ein paar Wochen waren Sie berühmt-berüchtigt.

Unser Professor war ein altakademischer Maler. Beim Aktzeichnen pirschte er sich gerne von hinten an und raunte einem ins Ohr: „Sei kühl wie ein Fechter.“ Oder er schrie plötzlich: „Wage den Panthersprung!“
Ich verstand das alles nicht wirklich und irgendwann hatte ich genug von den fetten Aktmodellen und ich malte mit roter Farbe einen Hitler auf mein Blatt. Als mir der Professor über die Schulter blickte, erstarrte er für einen Augenblickt, dann drehte er sich auf dem Absatz um und rannte in Panik hinaus. Ich höre noch das quietschende Geräusch seiner Gummischuhe. Der weiße Arbeitsmantel flatterte ihm hinterher, und weg war er. Kurz darauf quoll die gesamte Professorenschaft durch die Tür, wie eine Schar aufgeschreckter Vögel. Der Direktor hielt mit bebender Stimme eine Ansprache über die Zeiten, wo sie alle ihren Mann stehen mussten um das Vaterland zu verteidigen, und dass wegen meiner Zeichnung der achtzigjährige Weltruhm der Schule auf dem Spiel stünde, und dann wurde das Blatt beschlagnahmt.
Das war der Moment, wo ich das erste Mal eine Ahnung von der Macht eines Bildes bekam.


Mit 18 wechselten Sie an die Akademie der bildenden Künste. Sie besuchten vier Jahre lang nie eine Vorlesung und machten keinen Abschluss.

Da ich mich in kein System einfügen konnte und jede Art von Autorität ablehnte, erkannte ich eines Tages, dass mir nur eine Ausweg blieb: die Kunst.
Um zur Aufnahmsprüfung auf die Kunstakademie zugelassen zu werden, musste man Arbeiten vorweisen. Da ich bis dahin noch nie gemalt hatte, dachte ich, gut, dann male ich halt ein Bild. Mehr Energie wollte ich nicht investieren, Zu meinem Erstaunen war Professor Hausner so beeindruckt von meiner Arbeit, dass er mich sofort ohne die übliche Aufnahmeprüfung in seine Meisterklasse aufnahm.
Ganz anders ist es einem jungen Mann sechzig Jahre vor mir ergangen ist, der gleich zweimal abgewiesen wurde. Sein Name war Adolf Hitler. Es war der verhängnisvollste Fehler, den je eine Universität begangen hat.


Ihr Professor war Rudolf Hausner, ein Vertreter des Phantastischen Realismus, der sich vor allem durch ständige Abwesenheit hervortat.

Hausner erkannte, dass man Kunst nicht lehren kann und jeder Künstler seinen eigenen Weg finden muss. Folgerichtig zog er sich in sein stattliches Atelier in der Akademie zurück, fuhr gerne mit seinem Mercedes 600 herum und genoss die Zeit mit seiner appetitliche Sekretärin, die ihm der österreichische Staat zur Verfügung stellte. Danach habe ich ihn kaum mehr gesehen. Für mich war das ein Glücksfall und ich bin ihm unendlich dankbar dafür. Ich war endlich frei, ich konnte einfach vor mich hinmalen wie ein autistisches Kind, und niemand kümmerte sich um mich. Es war der ultimative Freiheitsrausch.


In die Annalen der Akademie gingen Sie mit einem Anschlag ein, der die Feuerwehr und eine Hundertschaft Polizei auf den Plan rief.

Die Zeit war reif für den Umsturz, es gab keine andere Möglichkeit. An der Akademie und den Universitäten ging es zu wie in einem Ameisenhaufen. Alles war voll mit Neomarxisten, Maoisten, Trotzkisten, Spartakisten und wie sie sich alle nannten, die sich gegenseitig beschimpften und unter Che Guevara-Postern Tag und Nacht über die Befreiung des Proletariats diskutierten. Dabei waren das lauter Kinder aus wohlhabenden bürgerlichen Elternhäusern und adelige Fräuleins, die noch niemals einen richtigen Arbeiter aus der Nähe gesehen hatten.
Mir ging dieses ewige Geschwafel, das nie zu irgendwelchen konkreten Handlungen führte, auf die Nerven und ich beschloss auf eigene Faust einen Aufstand an der Akademie zu inszenieren. Die Professorenschaft bestand tatsächlich zum Grossteil aus alten autoritären Wichtigtuern, die jede Form der Mitbestimmung durch die Studenten verweigerten, und ich dachte es war an der Zeit zurückzuschlagen.
Ich rekrutierte eine kleine Gruppe von Studenten und einige anarchistische Typen von der Strasse, und wir bereiteten den einzigen gewaltsamen Aufstand, der je auf der Akademie stattgefunden hatte, tagelang vor.
Am Tag der Aufnahmsprüfung sperrten wir die gesamte Professorenschaft in dem Zimmer ein, in dem sie die Auswahl vornehmen wollten, wer zur Aufnahmeprüfung antreten durfte und wer nicht.
Wir zündeten Rauchbomben im ganzen Haus, öffneten alle Feuerlöscher, hängten die grossen Fensterflügel aus und warfen sie in den Innenhof, wir schütteten Eimer mit gefärbter Schmierseife über die Treppen und überall explodierten Farb- und Stinkbomben, die wir in tagelanger Arbeit gebastelt hatten. Es herrschte totale Panik, alle irrten schreiend durch die Rauchschwaden, und schliesslich verschlossen die Pedelle alle Eingangstore und riefen die Polizei.
Die Professoren waren genauso überrascht, wie die studentischen Dauerdiskutierer, und während das Überfallkommando die Akademie stürmte, hatten wir uns längst durch ein Mensa-Fenster abgeseilt und sassen im Park vor der Akademie und beobachteten das Spektakel.


Mit Anfang 20 hat Ihnen LSD, zu einem Horrortrip verholfen.

Es war ein Sturz durch alle neun Kreise der Hölle, der mich fünf Jahre meines Lebens gekostet hat. Die ganze sogenannte objektive Wirklichkeit, mit all ihrer vertrauten Gesetzmäßigkeit und Funktionsweise, war vollkommen in sich zusammengebrochen. Ich stürzte in einen bodenlosen Abgrund. Ich hatte bis dahin nicht gewusst hatte, dass ein derartiges Ausmaß an Panik und Grauen überhaupt möglich ist.


Ein Leitmotiv Ihrer Malerei ist der Schmerz von misshandelten Kindern. Wie sind Gewalt und Folter Ihre Lebensthemen geworden?

Als ich das erste mal vom Holocaust erfahren habe, war das ein Schock für mich und eine Zäsur. Ich hatte das Grundvertrauen in die Gesellschaft und das System in dem ich aufgewachsen bin verloren. Ich wollte mit der Generation meiner Eltern, und deren Tradition und Werten und nichts mehr zu tun haben, und ich war besessen von dem Gedanken alles herauszufinden um die Ursachen zu verstehen und ich stiess in meiner Recherche auf eine Kette von Gewalt, Grausamkeit, und Unterdrückung, die sich durch ganze die Menschheitsgeschichte zieht. Aus irgendeinem Grund hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Die meisten Menschen haben gesunde Verdrängungsmechanismen, die ein Weiterleben möglich machen. Ich glaube mir fehlt dieser Mechanismus.
Irgendwann bin ich auf gerichtsmedizinische Fotos von Kindern gestoßen, die missbraucht zu Tode gequält worden waren, oft von jemandem aus ihrem Verwandtenkreis. Es waren Bilder, die ich nicht mehr loswerden konnte. Der einzige Weg für mich mit diesem Wissen fertig zu werden, war durch die Kunst
Ich bin aus humanistischen Motiven Künstler geworden, nicht aus ästhetischen.

Kann die Darstellung von Gewalt kathartisch wirken?

Die Negativnachrichten von Terroranschlägen, Krisen und Kriegen mit denen uns die Medien ständig überfluten, bewirken ja nur eines: Hilflosigkeit, und ein Gefühl des Ausgeliefertseins. Und die Gewissheit, nichts daran ändern zu können, treibt die Menschen in Resignation und Apathie.
Aber wenn Kunst sich mit den Abgründen der menschlichen Existenz beschäftigt, hat das die genau entgegengesetzte Wirkung: Ich habe noch nie jemanden gesehen, der bei der Betrachtung eines Bildes von Hieronymus Bosch, oder Goya depressiv wurde. Selbst von einem Bild, das die Gräuel der Hölle, oder den Wahnsinn des Krieges darstellt, fühlt man sich inspiriert und befreit. Die Unentrinnbarkeit des Schreckens wird durch die Ästhetik transzendiert und relativiert. Durch die Kunst verliert der Tod seine Macht."


Sie umgibt der Nimbus eines Sehers. Mit 17 begannen Sie, Kinder zu malen, denen Gewalt angetan wurde. Erst 40 Jahre später wurde dieses Thema öffentlich diskutiert. 1970 malten Sie eine Jugendliche mit einer Maschinenpistole in der Hand. 29 Jahre danach töteten zwei Schüler an der Columbine High School in Colorado 13 Menschen.

Niemand hat je hinterfragt, warum in Amerika eines Tages Kinder begonnen haben, in der Schule andere Kinder mit Maschinenpistolen niederzumähen. Und inzwischen akzeptieren wir das als Teil des American Way of Life, wir haben wir uns daran gewöhnt. Kinder, die Massenmorde an Kindern begehen, das hat es in der gesamten Geschichte der Menschheit noch nie gegeben. Das ist neu. Wenn Kinder beginnen, andere Kinder zu töten und sich dann selbst richten, ist das ein sicheres Anzeichen für das Sterben einer Zivilisation.
Henry Miller hat einmal gesagt:“I see America spreading disaster. I see America as a black curse upon the world. I see a long night settling in and that mushroom which has poisoned the world withering at the roots”.


Gab es Künstler, an denen Sie sich orientiert haben?

Ich hatte kein Vorbild und habe mich erst sehr spät mit Kunstgeschichte beschäftigt. Selbst als ich schon jahrelang gemalt habe, hatte ich kein Interesse an der sogenannten Hochkunst, der Kunstszene oder irgendwelchen Kunsttheorien. Wie viele aus der sogenannten 68 Generation, wollte ich mit dem historischen Ballast und der Tradition meiner Elterngeneration nichts mehr zu tun haben, und dazu gehörten leider auch die Museen.
Meine Kunst, das war der Underground, die Comics, vor allem Carl Barks, Hergé, Robert Crumb und andere, in der Musik die Stones, Hendrix, Captain Beefheart, und der Blues. Ich war ein stolzer Underdog, ein Strassenkind der trivialen Künste. Ich habe, so wie auch die Künstler der amerikanischen Pop Art erkannt, dass Comics die Bildsprache des 20ten Jahrhunderts sind.
Erst viel später habe habe ich beschlossen, mich mit Kunst der Vergangenheit auseinanderzusetzen.
An einem kalten, regnerischen Wintertag im Januar fuhr ich nach Florenz, um die Uffizien zu besuchen.
Es war ein interessantes Experiment für mich, ich wollte, völlig neutral und unvoreingenommen, sehen, wie die angeblich so bedeutenden Werke der Renaissance auf mich wirken würden.
Nach dem dritten oder vierten Bild, es war ein Werk von Andrea Mantegna, war ich wie vom Blitz getroffen, in einer Art Schockzustand, ich war auf so eine emotionale Erschütterung einfach nicht vorbereitet gewesen. Die ästhetische Macht dieser Bilder hat mich so überwältigt, dass ich den Saal verlassen musste, weil mir die Tränen kamen. Und erst ab da habe ich begonnen mich der Kunstgeschichte zu beschäftigen.


Haben Sie später analysiert, was Sie an dem Bild erschüttert hat?

Rein materialistisch gesehen, besteht Rembrandts "Nachtwache" aus winzigen Farbpigmenten, die vermischt mit brüchigen Harzen und eingetrockneten Ölen auf einem alten Stück Leinwand kleben, welches auf einen Holzrahmen gespannt ist. Der Rest ist Imagination, Illusion, Metaphysik. Kunst ist mit rationalen oder naturwissenschaftlichen Methoden nicht zu ergründen oder zu entschlüsseln. Man kann sie nur mit den Sinnen, der Seele und dem Herzen erfahren."


Hängt bei Ihnen zu Hause Kunst an den Wänden?

Ich habe Zeichnungen von Künstlern, die mir etwas bedeuten, und vor allem die Radierungen Goyas, bei deren Betrachtung ich jedesmal zutiefst ergriffen bin und das Gefühl habe, ihm so nah, so innig verbunden zu sein, wie bei kaum einem anderen Menschen, obwohl er seit 200 Jahren tot ist und ich ihn nie getroffen habe.
Es ist als dürfte ich in sein inneres geistiges Universum eintreten, und in einen intimen Dialog it ihm treten, jenseits von Sprache , Raum und Zeit. Ich verstehe ihn vollkommen und ich fühle mich vollkommen verstanden. Der einzige Begriff der dem nahe kommt, was ich dabei empfinde ist - Liebe.


Gibt es Helnweins, die Sie zurückkaufen wollen?

Ja, aber das ist schwierig, ich muss dabei immer an einen Satz von Joseph Beuys denken, der einmal sagte: »Ich kann mir meine eigenen Bilder leider nicht mehr leisten.«


Wenn man Ihnen gegenübersitzt, wirken Sie mit Ihrer leisen, freundlichen Art wie ein Denkmal der Friedfertigkeit. Gibt es die Gewalt, die Sie malen, auch in Ihrem Kopf?

Nein, aber ich habe schon immer einen fast pathologischen Gerechtigkeitswahn in mir gehabt. Die einzigen evil intentions, die ich habe, richten sich nur gegen Leute, die anderen, vor allem Wehrlosen Schmerz zufügen.


1988 haben Sie ein berühmt gewordenes Foto gemacht: Der Bildhauer Arno Breker, Hitlers Lieblingskünstler, hält sich in seinem Düsseldorfer Atelier ein Gemälde von Ihnen vor die Brust, das Joseph Beuys zeigt.

Als ich Ihn bat, für die Aufnahme das Bild von Joseph Beuys hoch zu halten, murmelte er: „Das hätte sich der Beuys aber nicht träumen lassen.“
Anschließend erzählte er mir, wie er Anfang der Dreißiger Jahre von Molotov, dem damaligen sowjetischen Aussenminister kontaktiert wurde, der ihn im Auftrag Stalins nach Moskau einlud, und ihm eine führende Rolle im neuen sozialistischen Realismus anzubieten. Als Breker schon seine Koffer gepackt hatte, war Goebbels am Telefon: „Breker, der Führer möchte, dass Sie bleiben. Das Deutsche Reich braucht Sie.“ Dann hat er wieder ausgepackt. Breker hätte also genau so gut Held der Sowjetunion werden können.


Wie sah es in Brekers Atelier aus?

Mir fiel die heroisierende Büste eines beleibten Afrikaners auf, auf dessen Militäruniform unzählige Orden prangten. Breker sagte, dass es sich dabei um den früheren Präsident der Elfenbeinküste handle. In den Sechzigern sei der Mann in seinem Atelier aufgetaucht, habe ihm den Arm um die Schulter gelegt und gesagt: „Kommen Sie in mein Land, Breker, ich werde Ihr zweiter Hitler sein!”
Er bot ihm an das Zentrum der neuen Hauptstadt zu gestalten, mit einer gewaltigen Skulptur im Zentrum, die das befreite Afrika darstellen sollte.
Breker zeigte mir das Gipsmodell dieses Projekts mit einem grossen Platzes in deren Mitte die gewaltige Statue eines Schwarzen stand, der mit geballten Fäusten und gesprengten Ketten, den wilden Blick in den Himmel gerichtet hatte. Als ich Breker fragte, was aus seinem Utopia geworden sei, sagte er resigniert: „Der Präsident ist leider kurz darauf gestürzt worden.“

Haben Sie Breker gefragt, wie er zur sogenannten entarteten Kunst stand?

Ich habe es mehrfach versucht, aber er hatte dann immer Probleme mit seinem Hörgerät, das genau dann seinen Dienst zu versagen schien.


Sie haben vier erwachsene Kinder, die alle Künstler geworden sind. Hat Ihr Nachwuchs je gegen Sie rebelliert?

Wenn es etwas in meinem Leben gegeben hat, das absolut stressfrei und ohne Probleme abgelaufen ist, dann war es das Leben mit unseren Kindern. Es gab nie irgendeinen Streit oder Konflikt, und niemand musste rebellieren, weil es ja nichts gab wogegen sie hätten rebellieren können.
Kinder sind für mich ein großes Wunder. Sie tragen mit ihrer Reinheit und Entrücktheit die Möglichkeit zu einem besseren Menschsein in sich. So gesehen ist die Kindheit der Höhepunkt unserer Existenz. Erst durch die Erziehungssysteme wird die Fähigkeit zur unbegrenzte Imagination und Kreativität systematisch zerstört.


Wie waren Sie als Erzieher?

Ich wollte weder Erzieher noch ein sogenannter Vorgesetzter sein, da ich selbst als jede Art von Autorität oder Bevormundung durch Erwachsene gehasst habe. Ich habe mir schon als Kind geschworen, selbst einmal Kinder zu haben, die dann völlig frei sein würden und ihre eigenen Entscheidungen treffen und ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten sollten. Ich habe mich nie als Autorität gesehen, sondern eher als Verbündeter oder Komplize meiner Kinder. Ich fand es wunderbar wenn sie durch das Atelier tobten, und sie durften alles, auch in meine Bilder hinein malen. Ich habe es auch ihrer Entscheidung überlassen ob sie zur Schule gehen wollten oder nicht. Seltsamer Weise wollten sie.


Sie leben seit 1997 in Gurteen Castle, einem neugotischen 50-Zimmer-Schloss aus dem 19. Jahrhundert in der irischen Grafschaft Tipperary. Zuvor wohnten Sie 12 Jahre lang in einem 2 000 Quadratmeter großen Barockschloss in Burgbrohl in der Eifel. Wie erklären Sie Ihren Immobiliengeschmack?

Wenn man viele Kinder und Freunde hat und auch noch ein Atelier unterbringen muss, sind Schlösser äußerst praktisch. Ich bin nicht gerne lange allein, und ich konnte mir mein Leben immer nur wie in mitten einer sizilianischen Großfamilie vorstellen.


Kaum einer weiß, dass Sie seit Ihrem Umzug nach Irland auch Landschaften malen.

Der Umzug nach Irland war wie eine Reise in die Vergangenheit. Unser Haus ist umgeben von einer Landschaft, die an Bilder von Caspar David Friedrich erinnern, der Lärm, die Hektik und der Wahnsinn der gegenwärtigen Welt ist hier ganz weit weg. Es herrscht absolute Stille, und ich habe begonnen die Maler der Romantik zu verstehen und zu beneiden, und dann habe ich mich entschlossen, meine erste Landschaft zu malen, ein 5 meter breites Panoramabild “Nire Valley’. Seitdem habe ich neben meinem Hauptwerk immer auch Landschaften gemalt.
Ausser in einer Ausstellung in einem Museum in Cork, hat die Bilder noch nie jemand gesehen. Wenn ich sie eines Tage zeige, wird das vermutlich ein Schock sein für alle, die meine Arbeiten kennen.


Von 2000 an haben Sie die Hälfte des Jahres mit Frau und Kindern in Los Angeles gelebt.

LA ist der aufregendste Ort, an dem ich je gelebt und gearbeitet habe, und die absolute Gegenwelt zu Irland. In diesem sich ständig wie ein Krebsgeschwür ausbreitenden, unkontrollierbaren Monstrum von Stadt herrschte aber seltsamer Weise eine Art friedlicher Anarchie, wo alle Ethnien, Rassen und Religionen, von der Church of Satan bis zu chassidischen Juden, nebeneinander co-existieren, Underground Künstler, Obdachlose, Wahnsinnige, Freaks, die Reichen und die Superstars. Diese Stadt ist wie eine offene Wunde, die niemand zu verbinden versucht, der äußerste Vorposten einer untergehenden Zivilisation, und wenn Sie die unkaschierte Version der westlichen Welt 'Now' sehen wollen, dies ist der Ort. Manchmal kam ich mir vor wie in 'Blade Runner', wo der Zusammenbruch aller Werte eine neue comic-hafte, apokalyptisch-surreale Ästhetik gebiert."


Ihr Atelier lag in Downtown. Sie haben diese Zeit als die beste Zeit Ihres Lebens bezeichnet. Warum?

In den 90er Jahren war Downtown LA eine Art Geisterstadt, und galt als gefährlich, als Gangland. Aber wie so oft waren es die Künstler, die als erste die Schönheit dieser leeren Strassen, der verlassenen Fabriken und Art-déco Warenhouses erkannten, und dort ihre Ateliers etablierten. natürlich auch weil die Mieten so billig waren. Es war als befände man sich in einem Humphry Bogart Film, es war das Los Angeles Raymond Chandlers und Charles Bukowskis - LA Noir. Ich hatte mein Atelier in einem verlassenen mit Graffiti übersprühten Gebäudekomplex aus dem späten 19 Jahrhundert, der ursprünglich als Bank und Getreidebörse für die West Cost gedient hatte und seit Jahrzehnten leer stand.
Es sind dann immer mehr Künstler gekommen, Maler, Schriftsteller, Musiker, und so entstand der sogenannte ‘Artist District’, jeder kannte jeden, und für einen kurzen Augenblick war unser Viertel das Kreative Zentrum der West Coast. Zur Eröffnung meines Ateliers kamen unter anderen Sean Penn, Marilyn Manson, Leo DiCaprio, Lisa Marie Presley, Kevin Smith, Nicolas Cage und Arnold Schwarzenegger.


Als Ihr Landsmann Arnold Schwarzenegger in Kalifornien Gouverneur war, hing in seinem Amtssitz in Sacramento Ihr siebeneinhalb Meter breites Panorama »Death Valley (American Landscape I)«. Wie kam es dazu?

Arnold hat mich oft in meinem Atelier besucht. Eines Tages erschien er mit ein paar kräftigen Männern im Gefolge und teilte mir mit, dass er das Bild in seinem Regierungssitz in Sacramento haben wolle. Es hing dann während seiner gesamten Amtszeit im ‘Governors Council Room’ im Capitol. Er erzählte mir später, dass er seine liebe Not hatte, weil die Teilnehmer der Meetings, die da stattfanden, oft lieber über mein Bild sprachen, als über die Themen, deretwegen sie gekommen waren.


Ihr Porträt von Schwarzenegger hängt bis heute im Regierungsgebäude.

Wie jeder Gouverneur sollte auch Arnold nach Ende seiner Amtszeit ein offizielles Porträtbild im Capitol erhalten. Er wollte, dass ich ihn male, und da seine damalige Frau Maria Shriver in seiner Karriere immer eine aktive Rolle gespielt hat, habe ich ihm ein Miniatur-Portrait seiner Frau als Anstecknadel ins Revers gesteckt. Durch die Ehekrise, die dann in allen Medien explodierte, wurde entschieden, das Bild Marias wieder zu entfernen. Der Restauratorin, die damit beauftragt war, ist es aber nicht gelungen, das Bildchen ganz verschwinden zu lassen, da es hat immer noch durchgeschimmert ist, schliesslich musste ich es selbst übermalen, um den Spuk damit zu beenden.


Warum haben Sie 2018 Ihr Atelier von LA nach Florida verlegt, in ein kleines Städtchen im Golf von Mexico?

Downtown LA war meine zweite Heimat und dort habe ich wahrscheinlich die beste Zeit meines Lebens verbracht, aber in Amerika ist alles nur von kurzer Dauer. So wie in den New Yorker Künstlervierteln in Soho und Tribeca, sind nach einem kurzen Freiheitsrausch die Immobilienhaie und Investoren eingefallen, haben alles aufgekauft und die Künstler rausgeschmissen. Die Ateliers, Galerien und Kneipen wurden durch High End Fashion Stores, teure Restaurants und unbezahlbare Wohnungen für die Superreichen ersetzt.
Vom “Artist District” in Downtown LA ist nur der Namen geblieben. Viele der alten, denkmalgeschützten Gebäude wurden abgerissen und durch grauenhafte Appartement Blocks ersetzt. Zugleich waren die Strassen von Obdachlosen überflutet. The party was over, die meisten unserer Freunde haben die Stadt verlassen und sind in andere Bundesstaaten übersiedelt.
Ich habe in Florida eine Gegend gefunden, die so un-cool ist, dass eine Gentrifizierung sobald nicht zu befürchten ist, Es ist die andere, verlorene Seite Amerikas, die mich auch immer fasziniert hat, diese David Lynch-artige Twilight Zone, die für viele Gegenden abseits der Metropolen, so typisch ist.
Ich teile mir dort mit einem Freund eine grosses altes Fabriksgelände das völlig überwuchert ist, und wenn ich da in meiner Halle arbeite, bin völlig ungestört und unsichtbar für den Rest der Welt.


Vor zwei Jahren haben Sie Ihre Bilder in der Albertina in Wien gezeigt. Mit 300 000 Besuchern war es die erfolgreichste Ausstellung eines lebenden Künstlers in der 249-jährigen Geschichte des Museums. Welche Pläne haben Sie für 2026?

Für die Biennale arbeite an einer großen Skulptur und einer Multimedia-Installation in einer Kirche, und an solo shows in Paris, Chicago und Barcelona.


Sie sind dabei, eine Stiftung und ein Museum zu gründen. Da Sie selbst keine Helnweins besitzen: Wo sollen die Werke für Ihr Museum herkommen?

Es gab Gespräche mit der Stadt Wien, die ihr Interesse an einem Helnwein Museum bekundet hat. Ob es dazu kommen wird, wird sich weisen. Ich selbst gründe keine Museen, ich investiere meine ganze Energie in meine Arbeit. Meine Frau hat aber eine Sammlung wichtiger Arbeiten die in eine Stiftung übergehen sollen.


In privaten Gesprächen sind Sie ein hoch politischer Mensch. Wie erklären Sie den Erfolg von Donald Trump bei amerikanischen Wählern?

Die meisten Amerikaner haben das Vertrauen in die Politiker und die Mainstream Medien völlig verloren. Während viele Teile Amerikas unter das Niveau der sogenannten dritten Welt sinken, werden Billionen in den ‘Military Industrial Complex’ gepumpt, der die Welt ständig mit neuen Kriegen überzieht und die kapitalistische Elite immer reicher macht. Friedensnobelpreisträger Obama hat ja stolz verkündet: “Wir geben mehr für die Rüstung aus, als die nächsten 10 Nationen zusammen”. Im Schnitt fallen jeden Tag 46 amerikanische Bomben irgendwo in der Welt. Da Trump in seiner ersten Amtszeit als erster President keinen neuen Krieg begonnen hat, und sich als Friedenspräsident und Held der kleinen Leute präsentiert hat, der mit dem korrupten System aufräumen werde, haben viele die Hoffnung auf ihn gesetzt. Inzwischen hat Trump das Verteidigungsministerium zum Kriegsministerium umgetauft, die Rüstungsausgaben auf über 1000 Milliarden erhöht, und während immer mehr schwer bewaffnete Soldaten in den Städten Amerikas patroullieren, bereitet er das Land auf neue Kriegseinsätze vor. Andererseits hat er gerade einen Waffenstillstand in Gaza zustande gebracht, von dem wir nur hoffen können, dass er auch halten wird. Trump ist völlig unberechenbar und ein Garant dafür dass die Weltpolitik eine Achterbahnfahrt bleibt.



Sven Michaelsen