05. Oktober 1972
Kronen Zeitung
Wien
Erwin Melchart
Kultur
Aufregung herrscht in der Halle des Pressehauses.
Verständlich: Das Mädchen auf dem Bild hat ein Pflaster auf der Wange und eine tiefe Narbe vom Hals unters Schlüsselbein bis zur Achsel...das kleine Mädchen in der lieblichen Sommerwiese hält den Dolch im Patschhändchen, vor ihm liegt das Schwesterlein tot im Gras...keine Bilder für schwachw Nerven. Bilder, die unter die Haut gehen.
10. Oktober 1972
profil
Wien
Gottfried Helnwein, 24, Maler mit Schock-Effekt, bescherte mit seiner Ausstellung in der Pressehaus-Galerie dem Zeitungs-Krieger Kurt Falk unruhige Stunden. Redakteure und Drucker kommentierten Helnweins narbenverzierte Kinderportraits und Folterszenen als pervers und und schätzten den Urheber als geistesgestört ein.
Die Geschockten - darunter der "Presse"-Abendländer Otto Schulmeister - bombardierten den Pressehausherren Falk mit Protestanrufen. Am fünften Tag der Ausstellung gab Falk, dem die Bilder persönlich gefielen, den Bilderstürmern nach, und Helnwein verlud seine Werke unter dem tröstenden Zuspruch des "Kronen-Zeitung"-Kulturredakteurs Karlheinz Roschitz in ein Taxi. Verunsicherer Helnwein, dessen Bilder Assoziationen mit Schmerz, Angst und Gewalt wecken, zeigte sich über Falks Zensur "befremdet".
Emotionelle Ausbrüche wollte Helnwein mit seinen Bildern schon länger provozieren - so gut gelungen ist es ihm bislang aber noch nie.
