
11/01/1990
Fischer Verlag
Regie im Theater
Hildegard Kraus
Johann Kresnik
Wenn eine Steigerung möglich ist, gelingt sie Kresnik, im Frühjahr 1988, mit seinem nächsten Stück: Macbeth. Natürlich erzählt Kresniks Choreographisches Theater die blutgetränkte Fabel Shakespeares nicht einfach nach. Es hat sich einiger Motive bemächtigt die es wieder und wieder repetiert, in großaufgerissenen, heftig blutenden Bildern und verstörten, irrsinnigen Aktionen, denen der Kresnik geistesverwandte Wiener Maler Gottfried Helnwein als Bühnen- und Kostümbildner lediglich drei Farben gegeben hat: das Schwarz des Todes, das Weiß der Schlachthofwände und Leichentücher und das Rot des Blutes. Das Drama von Königsmord und Wahnsinn erscheint bei Kresnik wie durch den Fleischwolf gedreht: ein Hackstück, roh und triefend von Blut. Bis kurz vor Schluß der Aufführung gibt es keinerlei Entwicklung; nur Ansichten und Variationen von Tod, Mord und Irresein, umgesetzt in bohrende Bilder und verstörende Aktionen. Die Welt als Schlachthaus, abendfüllend und ohne Perspektivenwechsel, ohne Hoffnungsschimmer. Die Figuren heißen zwar "Banquo", "Duncan", "Macbeth" und "Macduff" samt zugehörigen Ladies; auch die drei Hexen, die mit ihren Einflüsterungen die originale Tragödie erst in Gang setzen, sind vorhanden als Mischung aus BDM-Mädchen, Militärpolizistinnen und Go-go-Girls: hübsche Harpyien des Grauens, die das monogam in sich kreisende, mit Blut geschmierte Geschehen antreiben und kontrollieren.

09/23/1990
Kunsthalle Darmstatt
Flucht
Dorit Marhenke
Problemkreis seit Menschengedenken
84 zeitgenössische Künstler zum Thema Menschen auf der Flucht
group show
catalogue
05/30/1990
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Krachend. Zum Münchener "Trionfi"-Streit
Gerhard R.Koch
Typisch ist auch dafür der Streit zwischen August Everding und Wolfgang Sawallisch um die Bayrische Staatsoper.
Dieser Zwist hat nun eine bemerkenswerte Teiltransplantation erfahren. Diesmal heißen nämlich die Kombattanten nicht Everding und Sawallisch, sondern Sawallisch steht nun ein ganzes Künstlerquintett gegenüber:
der Choreograph Hans Kresnik, der Maler Gottfried Helnwein, der Schriftsteller Gerd Jonke und der Tänzer Ismael Ivo sowie ein nicht namentlich genannter "Lichtdesigner der Rockmusikszene"
- wobei Kresnik und Helnwein als die Hauptwidersacher dastehen.
Ob Kresnik- Helnweins "Trionfi" den Segen der Orffianer gefunden hätte, ist sekundär gegenüber der Tatsache, dass man wissen muss, worauf man sich einlässt. Ein leider gänzlich fiktives Beispiel mag dies belegen: Käme ein Opernintendant, gar ein Festspielleiter auf die Idee, den amerikanischen Rocksänger und "Down by Law"- Schauspieler Tom Waits als Don Giovanni zu verpflichten, dann verhieße eben dies raueste, knurrendste Originalität eines unbehausten Vokalwüstlings. Sich dann über mangelnde Probenadrettheit und ungenügende Belcanto- Geschmeidigkeit zu beklagen, zeugt vom Mangel an Realismus. Konzeptionslosigkeit hat also nicht die Bayrische Staatsoper Kresnik und Helnwein anzulasten, sondern der Vorwurf fällt auf die großmächtige Institution zurück.

05/09/1990
Die Zeit
Tränen für die Revolution
Rolf Michaelis
Johann Kresnik inszeniert ein schrilles Requiem auf die DDR
Schockierend schon das Plakat, das der für Bühnenbild und Kostüme verantwortliche, als Maler im photorealistischen Stil bekanntgewordene Wiener Gottfried Helnwein entworfen hat: das ins Grobe vergrösserte Presse-Photo des in einer Blutlache liegenden Kopfes von Oskar Lafontaine. Rot eingeblendet: 'Das Attentat".
Ja, geht es im Stück von Peter Weiss nicht um das Attentat, das die junge Charlotte Corday am 13. Juli 1793 auf den jakobinischen Führer der Revolution, Marat verübt hat? Und hat sie sich nicht kurz vor dem Anschlag "ein Küchenmesser" gekauft, wie die Frau des Jahres 1990?
Die assoziationswütigen Österreicher Helnwein und Kresnik haben schon für ihren "Macbeth" (Heidelberg 1988) den machtbesessenen Politiker Shakespeares in einer Badewanne sterben lassen - und dafür mit dem Presse-Photo des toten Uwe Barschel im Genfer Hotel auf dem Plakat geworben.
Woran denken Helnwein/Kresnik nach dem 9. November 1989, wenn sie bei Peter Weiss solche Sätze lesen?
"Mit der Ruhelosigkeit der Gedanken / lässt sich keine Mauer durchbrechen. / Wir sind die Erfinder der Revolution / doch wir können noch nicht damit umgehen./ Siehst du den Irrsinn dieser Vaterlandsliebe.../ Ich pfeife auf die Nation / so wie ich auf alle anderen Nationen pfeife../ Ich pfeife auf diese Bewegungen von Massen / die im Kreise laufen..."
Schräg ist alles an Helnweins Bühne: ein gekipptes, ein irres Haus, ein schiefes Irrenhaus als Raum unseres Lebens. Die Bühne ist, von rechts nach links, im Winkel von 26 Grad geneigt. Auf dieser Rutschbahn, die von Krankenpflegern gewässert wird, wenn sie mit Feuerwehrschläuchen die erhitzten Kranken kühlen, findet Leben statt: man robbt nach oben, schlittert nach unten. Auch die beiden klinikweissen Wände dieses Saals stehen nicht im rechten Winkel. Sie knicken weg mit je drei blinden Fenstern übereinander.

03/23/1990
B.Z. Berlin
Krach um Katalogmädchen für den Opern-Chef
Verführerische Mädchen in reizvoller Unterwäsche - ausgeschnitten aus Versandhaus-Katalogen! Diese Katalogmädchen-Auswahl legte Starkünstler Gottfried Helnwein dem Staatsopern-Direktor Wolfgang Sawallisch als Kostüm-Entwürfe für die nächste Opernpremiere
Opernchef wütend über die nettern Mädchen aus dem Katalog. Ballett-Stars und Sängerinnen sollten in Unterwäsche auftreten - Direktor Sawallisch feuert Kostümausstatter Helnwein

01/01/1990
studio, Germany
Helnwein finishes Self-portrait

01/01/1990
Lawrence, Kansas
Meeting with William Burroughs

01/01/1990
Berlin
Meeting with Keith Richards in East Berlin

01/01/1990
Staatstheater Stuttgart
Set and Costumes for "Sade and Marat" by Peter Weiss
Gottfried Helnwein and director Hans Kresnik at the rehersal of:
"Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade"
(The Persaecution and Murder of Jean Paul Marat, Performed by the Drama Group of the Hospice at Charenton under the Direction of Monsieur de Sade)
01/01/1990
Museum Morsbroich
Helnwein meets Miles Davis and writes an essay for Miles' first exhibition of his paintings at Museum Morsbroich in Germany

01/01/1990
Edition Cantz
Helnwein collaborates with Marlene Dietrich on the book "Some Facts about Myself"
For the occasion of the fall of the Berlin-wall Gottfried Helnwein and Marlene Dietrich created the book "Some Facts about Myself". Her essay was the last text that Marlene Dietrich wrote in her life.
11/19/1989
Folkwang Museum, Essen
one-man show at the Folkwang Museum in Essen
Drawings and works on paper

11/18/1989
Folkwang Museum Essen - Kunsthalle Bremen
Gottfried Helnwein
Hubertus Froning
Curator for Drawings and Graphic Arts, Folkwang Museum Essen
one-man show - works on paper 1969–1989
Gottfried Helnwein (works on paper 1969–1989),
Folkwang Museum Essen/Kunsthalle Bremen/
Kunstverein Ludwigsburg, 1989,
text by Hubertus Froning, H.C. Artmann and Heiner Müller.

11/16/1989
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Zeichenopfer
Roland Gross
Gottfried Helnwein in Essen.
Durch die Ausstellung im Essener Museum Folkwang mit über fünfzig Pastellen, Aquarellen, und Zeichnungen, die zusammen eine konzentrierte Werksübersicht seit 1969 ergeben, führt jener, blutrote, nicht zuletzt austriatypische Faden.
Seine Kinder waren immer verletzt, mißraten, dannoch voll trotziger Phantasie. Anfang der siebziger Jahre fertigte der 1948 in Wien geborene Gottfried Helnwein die lieben Kleinen in einer porentief detailbesessenen Mischtechnik aus Farbstift, und Aquarell: Rosa Puffärmel, aus denen bandagierte Hände zum Vorschein kommen, Pupillen, die ebenso puttenhaft kullern wie gespenstisch verdreht sind. Oft war die Lippenpartie eingeschnitten, narbig vernäht und lege einen Teil des Gebisses frei.
Immer traf man hier auf einen jungen Verwandten jenes von dem Politbarden Franz-Josef Degenhardt erdachten Hasenscharten-Kindes, "das biß, wenn's bitte sagen sollt". Auch die Federzeichnungen, die in der Nachfolge des dunklen Phantasten Alfred Kubin zwischen 1974 und 1979 entstanden, waren deutlich geprägt durch das Thema "Kind", ebenso wie die ganz frühen Wiener Straßenaktionen, an denen Kinder mit Kopfbandagen beteiligt waren ("Aktion Sorgenkind", 1972).

08/06/1989
The New York Times
Edinburgh International Festival, 1989
Craig R. Whitney
Craig R. Whitney is the chief of the London bureau of the Times.
The most controversial part of the festival this year is likely to be a West German ballet, Johann Kresnik's and Gottfried Helnwein's ''Macbeth,'' performed by the Bremer Theater from Bremen Aug. 15 to 17. This production is described in the festival literature as ''blood-boltered and violent, full of sadomasochistic images,'' and inspired not only by the Shakespeare tragedy but also by the more recent mysterious death of a West German politician in Schleswig-Holstein.

06/01/1989
MIZUE,Tokyo, Japan
The Black Mirror, The world of Gottfried Helnwein
Toshiharu Ito
伊藤俊治
黒い鏡 — ゴットフリート・ヘルンヴァインの世界
Artist of inner Turmoil.
Gottfried Helnwein's works from the 1980's are represented by the self-portraits in his "Black Mirror" series. However, these works reach far beyond the boundaries of the ordinary self-portrait. They reflect the inner wants and desperation which lies within the viewer's own self. Helnwein points out the new form of the modern self-portrait which involves the creator and viewer alike.

04/23/1989
PRO MEMORIA
Projekt Antonin Artaud - Fremd im eigenen Körper: Auswanderungen
Wohnung Heiner Müller
Ost-Berlin
Heiner Müller, Hans Kresnik und Gottfried Helnwein arbeiten an einem Theaterstück über Antonin Artaud
Da es schwierig und gefährlich ist, Antonin Artaud darzustellen, wird vorgeschlagen, von einer dreidimensionalen, plastischen Vorlage auszugehen. Gottfried Helnwein entwirft Skizzen ohne thematische Einschränkung, radikal seiner subjektiven Vision folgend. Diese Entwürfe dienen Heiner Müller zur Reflektion und Bildbeschreibung.

05/31/1989
PRO MEMORIA II
PROJEKT ANTONIN ARTAUD - FREMD IM EIGENEN KÖRPER II
Atelier Helnwein
Schloss Burg Brohl
Heiner Müller, Hans Kresnik und Gottfried Helnwein arbeiten an einem Theaterstück über Antonin Artaud
Am 31.5 und 1. 6. 1989 trafen sich Heiner Müller, Hans Kresnik, Gottfried Helnwein und Ismael Ivo in Helnweins Atelier auf Schloss Burgbrohl um die Arbeit an dem Theaterstück über Antonin Artaud fortzusetzen. Das Stück ist nie realisiert worden, die Arbeitsnotizen sind in Teilen erhalten.
Für die Struktur des Stückes sollten drei bis fünf Motive über Artaud als Variationen erscheinen wie bei einer Komposition. Heiner Müller sagt, er könne am besten nach Bildern schreiben. Er schlägt vor: Helnwein solle alle erdenklichen Variationen zu dem Thema zeichnen und malen, die als Inspiratione dienen sollen, und auf deren Grundlage Kresnik die Choreographie erarbeiten soll.

04/12/1989
ZEIT magazin
Erinnerungen an Entenhausen
Gottfried Helnwein
Nachts war mein Kinderzimmer in ein tiefes rotes Licht getaucht - meine Spielsachen, die Möbel, mein Bett, meine Hände - alles hatte die gleiche Farbe und schien aus demselben weichen Material zu sein. Als wären die Naturgesetze aufgehoben, schien alle Materie von innen heraus zu glühen.
Die Ursache dieser roten Wundernächte war der riesige leuchtende Stern der Roten Armee auf dem Dach der Fabrik gegenüber, der nachts seine Glut in meine Kinderstube goß.
04/12/1989
ZeitMagazin
Memories of Duckburg
Gottfried Helnwein
At nights my room was plunged into a deep, red light - my toys, the furniture, my bed, my hands - everything had the same color and seemed to be made of the same soft material. As though the natural laws were suddenly suspended, all matter seemed to glow from the inside out. The explanation for this red magic was the large illuminated star of the Red Army on the roof of the factory across the street, which poured it’s fire nightly into my room.

01/31/1989
Basel
Helnwein trifft Heiner Müller